5. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

„Kämpferischer Demokrat“

Zentralrat der Juden in Deutschland würdigt Bundesaußenminister Joschka Fischer mit dem Leo-Baeck-Preis 2004

Von Johannes Boie

In Berlin herrscht Anfang Mai noch Aprilwetter - mal regnet es, dann scheint wieder die Sonne. Passend also zu den zahlreichen fröhlichen und ernsten Großereignissen in jenen Tagen: 60. Jahre Kriegsende, Eröffnung des Holocaust-Mahnmals und Verleihung des Leo-Baekc-Preises 2004 an Joschka Fischer.

Leo Baeck, der Namensgeber des Preises wird im Jahr 1873 geboren. Der Rabbiner lehnt es während des Dritten Reiches ab, das Land zu verlassen. Stattdessen kümmert er sich um seine Gemeindemitglieder. 1943 wird Baeck mit seiner Familie ins KZ Theresienstadt deportiert. Hier erlebt er die Ermordung enger Verwandter und guter Freunde. Schwer verletzt geht er nach dem Krieg nach London. Leo Baeck stirbt am 2. November 1956 in London.

48 Jahre später überreicht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, Außenminister Joschka Fischer den Leo-Baeck-Preis. Von einem großen Plakat herab schaut ein nachdenklicher Leo Baeck im Hotel Adlon auf die Gäste aus Politik und Gesellschaft. Ebenfalls im Blickfeld des großen Rabbiners befindet sich der zufriedene Außenminister, flankiert von seiner Lebensgefährtin und Ex- Bundespräsident Johannes Rau.

Paul Spiegel zeichnet den Werdegang Fischers nach. Dabei kommt der Zentralrats-Präsident sowohl auf Fischers Engagement in Nahost als auch auf die Meldungen der vergangenen Tage zu sprechen. Ausdrücklich begrüßt Spiegel Fischers von einigen Diplomaten und Politikern kritisierte Entscheidung, ehemaligen NSDAP-Mitgliedern im deutschen Diplomaten-Korps kein ehrendes Andenken in der Hauszeitung des Auswärtigen Amtes zukommen zu lassen. „So verdienstvoll eine diplomatische Karriere nach dem Krieg auch verlaufen sein mag, so legitim und notwendig ist die Frage, welche politische Position der betreffende Beamte in den Jahren des Nationalsozialismus eingenommen hat“, sagt Spiegel. Mit dem Preis für Fischer ehre man „einen Freund der Judenheit und Israels, vor allem aber einen kämpferischen Demokraten der sich gegen die Feinde einer weltoffenen, toleranten Zivilgesellschaft zur Wehr setzt“.

Als kämpferisch ist auch der Laudator bekannt. Der israelische Schriftsteller Amos Oz spricht auf Englisch. Seine Rede lässt die Zuhörer gelegentlich schmunzeln. Zum Beispiel, wenn er dem „lieben Freund“ anbietet: „Falls Sie je hier in Deutschland arbeitslos werden, brauchen Sie nicht mehr Taxi zu fahren. Sie können immer nach Israel kommen, wo Sie leicht zum Leiter der israelischen Linken oder der israelischen Friedensbewegung gewählt werden könnten.“ Die Stimmung ist heiter und ernst zugleich.

Holocaust und Nahost-Konflikt sind die Themen, die diesen Vormittag prägen. Fischer selbst spricht am deutlichsten von der düsteren Vergangenheit Deutschlands. „Ein ‚Nie wieder’“, mahnt er mit Blick auf Schoa und Nazi-Dikatur an. Und bekennt: „Das sagt sich so leicht daher. Schwieriger ist es, auch dafür zu sorgen, dass es beim ‚Nie wieder’ bleibt.“

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 19 vom 12.5.2005