10. Jahrgang Nr. 10 / 29. Oktober 2010 - 21. Heshvan 5771

Unser Haus

Richtfest für liberale Synagoge in Hameln

Von Heinz-Peter Katlewski

Zehn Jahre lang hat die liberale "Jüdische Gemeinde Hameln" für ihr eigenes Gemeindezentrum gestritten und gesammelt. Im September feierte sie endlich Richtfest. Von einem Dach wird man bei der offiziellen Eröffnung des zweistöckigen Backsteinbaus im Februar 2011 aber nicht viel sehen: Nur eine gläserne Oberlichtspitze, die Licht in den Betraum werfen soll, ragt dann empor. "Unser Haus", hebräisch "Beitenu", soll das rote Gebäude mit seinem elliptischen Grundriss heißen. Das haben die 200 Mitglieder der Gemeinde beschlossen. Es ist der erste Neubau einer Reformsynagoge in Deutschland nach 1945, doch wird das G’tteshaus auf historischem Grund errichtet: Von 1879 bis 1938 stand hier die Synagoge der damaligen jüdischen Gemeinde der Stadt.

Die neue Gemeinde ist jung, kaum 14 Jahre alt. Die Initiative, die zu ihrer Gründung führte, kam von der heutigen Vorsitzenden, Rachel Dohme. Damals hatte die Liebe die Amerikanerin aus dem heimatlichen Pennsylvania ins Weserbergland gelockt. Als sie 1990 erfuhr, dass im Nachbarort Hasperde jüdische Kontingentflüchtlinge vorübergehend in einem alten Schloss einquartiert waren, reagierte sie kurzentschlossen: „Ich habe meine Kinder in den Wagen gesetzt und bin hingefahren.“ Zuerst vermittelte sie den Neuankömmlingen deutsche Partnerfamilien. Schon bald aber erteilte sie den Kindern auch jüdischen Religionsunterricht und feierte mit den zugewanderten Familien den Schabbat.

1996 hatte sich der informelle Kreis zu einer „Jüdischen Gruppe“ in Hameln weiterentwickelt. Im Frühjahr 1997 schritt man zur Gründung einer Gemeinde. Polina Pelts, heute zweite Vorsitzende, erinnert sich: „Für meine 85 Jahre alte Mutter, die mit uns aus Odessa nach Deutschland gekommen war, war es ein beglückendes Erlebnis, hier eine Gemeinde ins Leben zu rufen.“ Im Frühjahr 1997 wurde die Gemeinde ins Vereinsregister eingetragen. Von Anfang an war man sich einig, dass Männer und Frauen in Kultus und Kultur gleiche Rechte haben sollten. Noch im gleichen Jahr schloss sich die Gemeinde deshalb der Union progressiver Juden an. Seit 2005 wird sie über den niedersächsischen Landesverband auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten.

Das Programm umfasst heute das ganze Spektrum jüdischer Gemeindearbeit – angefangen von wöchentlichen Gottesdiensten am Schabbat über regelmäßige Schiurim (Vorträge zu religiösen Themen), Sprachkurse, eine Jugendgruppe, ein Seniorencafé, einen Literaturkreis, Religionsunterricht für Kinder und Erwachsene, einen Chor und eine Tanzgruppe. Rabbinerin Irit Shillor kommt seit 2003 einmal im Monat aus England für ein paar Tage nach Hameln. Zudem absolvieren hier regelmäßig Rabbinerstudenten vom Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg ihre Gemeindepraktika.

Zu den wichtigen Erfahrungen der liberalen Gemeinde gehört, dass sie sich – anders als die Gemeinde vor 1938 – von Politik, Kirchen und der Bevölkerung weitgehend unterstützt fühlen darf. Das Geld für den notwendigen Eigenbeitrag zum Neubau des Gemeindezentrums wurde zu einem wesentlichen Teil von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Stadt und lokalen Bürgerinitiativen gestiftet.