10. Jahrgang Nr. 9 / 17. September 2010 – 9. Tischri 5771

Mit Herz und Kehle dabei

US-Studie: Teilnahme am Chorgesang ist ein wichtiges Element jüdischer Identität

„Wo man singt, dort lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. In dieser absoluten Form ist das vom deutschen Schriftsteller und Dichter Johann Gottfried Seume stammende Zitat sicherlich übertrieben. Auf jüdische Chorsänger bezogen, scheint es aber in gewissem Sinne zuzutreffen: Wie eine in den USA durchgeführte Erhebung zeigt, zeichnen sich Menschen, die bei jüdischen Chören mitwirken – über das rein musikalische Vergnügen hinaus -, durch Engagement, durch Streben nach Wissen und nach Nähe zu Gott sowie den Wunsch nach engerer Bindung an das jüdische Volk und Spiritualität aus.
Die Erhebung wurde von der Zamir Choral Foundation durchgeführt, einer jüdisch-amerikanischen Stiftung, die sich der Förderung und der Erneuerung jüdischer Chorgesangskunst in den USA und über deren Grenzen hinaus verschrieben hat. An der Befragung nahmen knapp 1.800 Sänger, rund 500 andere Mitwirkende wie Kantoren, Dirigenten, Komponisten, Rabbiner und jüdische Erzieher sowie 225 Förderer der jüdischen Gesangskunst teil. Damit entstand eine signifikante Datensammlung für eine Analyse der jüdischen Chorgesangsbewegung in der größten Diaspora-Gemeinschaft der Welt. Die zahlreichen in den Vereinigten Staaten tätigen jüdischen Chöre spielen eine wichtige Rolle im Gemeindeleben, sind aber auch als Vermittler jüdischer Kultur ein wichtiger Partner im interreligiösen Dialog.
Jeweils drei Viertel der im Rahmen der Studie befragten Personen erklärten, jüdische Gesangskunst gewähre ihnen ein geistiges Erlebnis und helfe ihnen, das Judentum auch emotional zu erfassen. Zwei von drei Teilnehmern glauben, ihre Persönlichkeit durch das Gesangshobby zu vervollständigen, während jeder zweite mehr Nähe zu Gott verspürt. Sechs von zehn Befragten konnten ihr jüdisches Wissen vertiefen. Ebenso viele identifizieren sich mit den von ihnen vorgetragenen Texten.
Allerdings ist die Mitwirkung in einem jüdischen Chor über das persönliche Erlebnis hinaus für die Bindung an das jüdische Kollektiv wichtig. 82 Prozent der Betroffenen wollen mit ihrer Gesangskunst einen Beitrag zum Leben ihrer Gemeinde leisten. Sieben von zehn Teilnehmern gaben an, sie spürten dadurch eine stärkere Bindung an das jüdische Volk. Sechs von zehn ist es wiederum wichtig, jüdische Musik an nachfolgende Generationen zu vermitteln.
Bei soviel Engagement müssen die Sänger und andere Mitwirkende, so die Auswertung der Umfrage, nicht nur als Hobby-Künstler, sondern als eine eigene Führungsschicht innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in den USA gelten. Diese Bewertung trifft umso mehr zu, wenn man berücksichtigt, dass die Gesangs-Freunde sich auch in anderen Bereichen jüdischen Lebens durch besonders hohe Bereitschaft zur Übernahme ehrenamtlicher Positionen, Kooperationsbereitschaft, Gruppenorientierung und Zielstrebigkeit auszeichnen. Daher sind sie, so die Veranstalter der Umfrage, ein „Brunnen“ für die Übernahme von Führungspositionen in jüdischen Gemeinden und Organisationen. Signifikant dabei: Die Teilnahme an einem Chor ist für viele der Sänger nicht die weiterführende Folge eines bereits bestehenden jüdischen Engagements, sondern stellt für sie den Einstieg ins aktive jüdische Leben dar. Damit tragen die Chöre nicht nur in qualitativer, sondern auch in quantitativer Hinsicht zur Stärkung der jüdischen Gemeinden, Einrichtungen und Organisationen bei.
Ein weiterer signifikanter Befund ist das hohe Bildungsniveau der Chorsänger. 89 Prozent von ihnen haben einen akademischen Abschluss vorzuweisen, wobei 24 Prozent den BA-Titel führen (Bachelor of Arts), während 38 Prozent den weiterführenden MA-Grad (Master of Arts) und 27 Prozent den Doktorhut erlangt haben. Im Übrigen sind Frauenstimmen in den Chören häufiger als männliche Tonlagen zu hören: Das schöne Geschlecht stellt etwas mehr als 60 Prozent des Sängerbestands.
Choralmusik ist in der jüdischen Tradition tief verwurzelt. Bereits das biblische Buch Diwrej Hajamim 1 (1. Chronik) schildert ausführlich das musikalische Arrangement, das König David im Tempel zu Jerusalem einführte. In den darauf folgenden Jahrhunderten waren die Leviten für den Tempelgesang zuständig. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels dauerte es, soweit sich aus historischen Quellen erschließen lässt, lange Zeit, bis die Tradition in einer hoch entwickelten Form wiederbelebt wurde. In einem Bericht aus dem Jahre 950 etwa wird die Mitwirkung eines Jünglingschors an der Amtseinführung eines neuen Exilarchen in Bagdad beim Gottesdienst in einer Synagoge geschildert.
Als Wiege der modernen Synagogenchortradition gilt das Italien der Renaissance. Treibende Kraft der damaligen Erneuerung war der jüdische Rabbiner und Komponist Salomo Rossi aus Mantua. Im 19. Jahrhundert wurde die jüdische Chormusik modernisiert und erlebte nicht zuletzt in Deutschland eine eindrucksvolle Blüte. Ebenfalls ins frühe 19. Jahrhundert fällt die Bildung erster jüdischer Chöre in den USA. Obwohl die Orthodoxie Synagogenchören reserviert bis ablehnend gegenüberstand, konnte Chormusik letztendlich auch in orthodoxen Synagogen Fuß fassen, wobei orthodoxe Chöre ausschließlich aus Männern bestehen, während sie in anderen Strömungen des Judentums gemischt sind.
wst