10. Jahrgang Nr. 9 / 17. September 2010 – 9. Tischri 5771

Die fehlenden Juden

Wissenschaftler versuchen, den Einfluss des Holocausts auf die sowjetische Wirtschaft zu quantifizieren

Dass der Holocaust für das jüdische Volk nicht nur einen unvorstellbaren demographischen und kulturellen, sondern auch einen wirtschaftlichen Aderlass bedeutet hat, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Dabei geht es nicht nur um Produktions- und sonstiges Vermögen, das bis auf wenige Ausnahmen unwiderruflich verfallen war, sondern auch und vor allem um das menschliche Entwicklungspotential der jüdischen Gemeinden in Europa, das dem in den USA – dort gehören die Juden zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Bevölkerungsgruppen - in nichts nachstand. Man stelle sich auch vor, um wie viel schneller und erfolgreicher Israel sich entwickelt hätte, wenn selbst nur eine Minderheit der Holocaust-Opfer in den jüdischen Staat eingewandert wäre.
Ein anderer, weniger beachteter Aspekt sind die ökonomischen Auswirkungen des Holocausts auf die Länder, deren jüdische Bürger dem nationalsozialistischen Genozid zum Opfer fielen. Jetzt haben drei amerikanische Wirtschaftswissenschaftler einen Versuch unternommen, den langfristigen Einfluss der Vernichtung sowjetischer Juden auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung betroffener Landstriche in der UdSSR zu messen.
In ihrer jüngst veröffentlichten Analyse, „Social Structure and Development – A Legacy of the Holocaust in Russia“, werten die Autoren, Daron Acemoglu vom Massachussets Institute of Technology, Tarek Hassan von der Universität von Chicago und James Robinson von der Universität Harvard Detailangaben sowjetischer Volkszählungen für mehrere Hundert Städte und mehrere Dutzend von Bezirken auf dem Gebiet der heutigen Russischen Förderation und der Ukraine aus, um Langfristfolgen des Holocausts auf deren Entwicklung zu prüfen. In die Erhebung wurden Standorte einbezogen, die im Jahre 1939 – damals fand die letzte sowjetische Volkszählung der Vorkriegszeit statt – über einen relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil verfügten. Im zweiten Schritt wurde ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit bis in die neunziger Jahre überprüft.
Im Ergebnis stellten die Autoren fest, dass Orte, in denen die jüdische Bevölkerung durch den Holocaust besonders stark dezimiert wurde, nachhaltig in ihrer Entwicklung geschädigt wurden. Wohlgemerkt hing der Prozentsatz der Überlebenden primär von der Zahl der Juden ab, die zu Kriegsbeginn im Sommer 1941 ins Innere der Sowjetunion flüchten konnten; wer unter die deutsche Besatzung geriet, hatte faktisch keine Überlebenschancen.
Je höher der Verlust der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1941 – 1944, umso nachhaltiger die wirtschaftlichen und sozialen Folgen, zu denen ein langsameres Wachstum, niedrigere Durchschnittseinkommen und größere Reformscheu gehörten. Ein niedrigeres Gehaltsniveau für die besonders schwer betroffenen Wohnorte wurde sogar für das Jahr 2002 festegestellt - fast sechs Jahrzehnte nach der Befreiung des sowjetischen Territoriums von der NS-Besatzung. Allein die statistischen Tabellen, mit denen diese Zusammenhänge nachgewiesen werden, füllen mehr als zwanzig dicht bedruckte Seiten. Dabei wurden die allgemeinen Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Wirtschaft und Gesellschaft der UdSSR durch die bei der Untersuchung angewandte Methode neutralisiert.
Die durch weitgehenden Verlust der jüdischen Bevölkerung verursachte sozioökonomische Schädigung ging, versteht sich, nicht auf den Verlust von in jüdischem Besitz befindlichen Produktionsmitteln zurück. Solches Privateigentum spielte 1941 – Jahre nach der Beendigung der relativ liberalen „Neuen Ökonomischen Politik“, nach der umfassenden Verstaatlichung von Industrie und Handel sowie nach Zwangskollektivierung der Landwirtschaft – keine Rolle. Vielmehr lag der primäre Schädigungsgrund in der empfindlichen Schmälerung der auch im Sozialismus für Wachstum und Entwicklung unerlässlichen Mittelschicht. Als solche werden in der Analyse Angehörige der von der sowjetischen Wirtschafts- und Sozialstatistik für die einzelnen Städte und Bezirke ausgewiesenen Berufsgruppen „Angestellte“ – also unter anderem Verwaltungsfachleute und Manager, „Handwerker“ und „Angehörige freier Berufe“ – etwa Ärzte und Juristen – definiert.
Im Jahre 1939 gehörten rund achtzehn Prozent der sowjetischen Gesamtbevölkerung der so definierten Mittelschicht an. Dagegen lag der entsprechende Anteil unter Juden bei 76 Prozent. Der Prozentsatz der Juden an der Mittelschicht lag im Jahre 1939 bei knapp drei Prozent. Das freilich war nur der landesweite Durchschnitt: In Regionen mit hoher jüdischer Konzentration – hierbei handelte es sich vor allem um den ehemaligen, 1917 abgeschafften Ansiedlungsrayon - stellten Juden einen weitaus höheren Anteil an der Mittelschicht. Dementsprechend stärker wurde diese durch den Holocaust geschmälert.
Das wiederum stellte sich nach dem Krieg als ein wesentliches Hindernis bei Wiederaufbau und Weiterentwicklung heraus. Wohl wahr: Theoretisch hätte die sowjetische Wirtschaftspolitik in der Nachkriegszeit unter den damals herrschenden Bedingungen einer Planwirtschaft durch entsprechende Ressourcenzuteilung zugunsten der betroffenen Standorte für einen gezielten Ausgleich der Schäden sorgen können. Die Praxis sah jedoch anders aus: Um den Wirtschaftsaufbau möglichst schnell zu bewältigen, bevorzugten die unter Planerfüllungszwang stehenden Behörden bei der Mittelzuteilung nicht unbedingt die besonders bedürftigen, sondern anscheinend die besonders leistungsfähigen Standorte. In der Folge wurde die Schlechterstellung der von Holocaust-Verlusten besonders schwer tangierten Städte und Bezirke perpetuiert.
Auf politischer Ebene stellten die US-Forscher fest, dass solche Regionen nicht nur ärmer, sondern auch in politischer Hinsicht konservativer geblieben sind. Bei dem 1991 abgehaltenen Referendum über die Zukunft der Sowjetunion hat in den betreffenden Wahlkreisen ein signifikant höherer Prozentsatz der Bürger für den Erhalt der UdSSR votiert – laut der Studie ein Zeichen für eine schwächer ausgeprägte Mittelklasse, die in politischer Hinsicht zu den wichtigsten Trägern von Reformen gehört. Ähnlich wird das in den „Holocaust-Wahlkreisen“ der Russischen Föderation überdurchschnittlich gute Abschneiden der Kommunistischen Partei bei den Duma-Wahlen von 1999 interpretiert. Hier gehen die Autoren davon aus, dass die Kommunisten bei dem Urnengang das Althergebrachte symbolisierten.
Gewiss ist die Analyse kein Geschichtswerk, sondern eine ökometrische Fallstudie. Gleichwohl zeigt sie auch in historischer Sicht wichtige Aspekte auf. Durch die versuchte Quantifizierung der Schäden, die den betroffenen Regionen der UdSSR durch die Vernichtung eines großen Teils der jüdischen Bewohner entstand, unterstreicht sie, wie wichtig und produktiv die jüdische Bevölkerungsgruppe im „Land der Räte“ war – eine Tatsache, die von den Sowjetbehörden niemals gewürdigt wurde.
Natürlich ist die Sowjetunion nicht das einzige Land, das durch den Verlust des Großteils seiner jüdischen Bürger über die allgemeinen Kriegsschäden hinaus ärmer wurde. Das gilt in besonderem Maße auch für Deutschland, das in der NS-Zeit durch die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von mehr als einer halben Million Juden nicht nur Schaden an seinem Kulturleben nahm, sondern auch einen durch das Nazi-Regime ausgelösten, irreparablen wirtschaftlichen Schaden erlitt. Wenn etwa allein in den Jahren 1933 – 1934 an den deutschen Hochschulen dreizehn Prozent aller deutschen Chemiker, vierzehn Prozent aller Physiker und achtzehn Prozent aller Mathematikwissenschaftler entlassen wurden - in achtzig bis neunzig Prozent der Fälle als Juden -, so war das nicht nur ein Akt der Barbarei, sondern schwächte den wissenschaftlichen Unterbau Deutschlands in ökonomisch höchst relevanten Berufen. Um ein ganz anderes Beispiel zu geben: Die Hollywood-Erfolge der aus Nazi-Deutschland geflüchteten jüdischen Filmemacher zeigen – im Umkehrschluss -, welches Potenzial der deutschen Kinobranche auch in ökonomischer Hinsicht entgangen ist. Natürlich muss auch das Deutschland verloren gegangene unternehmerische Know-how in Anschlag gebracht werden.
Selbstverständlich können solche allgemeinen Erkenntnisse eine fundierte wissenschaftliche Untersuchung nicht ersetzen. Daher bietet die Frage der wirtschaftlichen Folgen des Holocausts für Deutschland und für andere Länder ein sicherlich noch nicht erschöpftes Forschungspotenzial.
wst