5. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

„Rache ist nicht der richtige Weg“

Aus Anlass des Kriegsendes hat sich Autorin Irina Leytus mit dem Auschwitz-Überlebenden Kurt Steinitz (98) getroffen und zugehört, was er zu erzählen hat

„Ja, ich habe die Feierlichkeiten im Fernsehen verfolgt, aber was ich dabei gefüllt habe, das kann ich nicht in Worte fassen“, sagt Kurt Steinitz, der Auschwitz-Überlebende, über die Veranstaltungen zum Kriegsende und zur Befreiung der Konzentrationslager. Tatsache ist, dass der heute 98-jährige plötzlich ins Krankenhaus im heimischen Paderborn musste, sonst hätte er sich die Reise in die Vergangenheit eventuell noch angetan...

An seine eigentliche Fahrt nach Auschwitz erinnert sich Steinitiz noch haar genau: „Im Zug auf dem Weg nach Auschwitz sind einige von uns gestorben. Sie dienten den anderen dann als Sitzgelegenheit. Wir waren durch die schrecklichen Erlebnisse seelisch so abgestumpft, dass es niemanden etwas ausgemacht hat. Kurz vor dem Bahnhof in Auschwitz blieb der Zug stehen, die Lok wurde abgehängt und hinten wieder angekoppelt. Dann wurde der Zug in das KZ geschoben und die Türen aufgerissen. Im grellen Scheinwerferlicht standen die SS-Männer, die die Häftlinge aus den Güterwaggons trieben. Unser Gepäck mussten wir im Zug lassen. Sofort ertönte der Befehl zum Antreten. Die SS bildete zwei Gruppen: Auf die eine Seite kamen die Alten und Kinder, auf die andere Seite die Jungen, Arbeitsfähigen, die auf einen Lastwagen geladen und in das zehn Kilometer entfernte Außenlager Monowitz transportiert wurden.“

In jenem Augenblick hatte der damals 32-jährige die erste Hürde zum Überleben genommen. Die schwere körperliche Arbeit, die schlechte Ernährung, das Schlafen in den überfüllten Baracken, die Gefahr durch Krankheiten, Hunger oder Erschöpfung zu sterben, der Todesmarsch – das waren die nächsten schweren Hürden, die Steinitz fortan nehmen musste.

Als das Lager Monowitz im Winter Ende 1944 bombardiert wurde, wurden die Häftlinge „evakuiert“: Ohne Verpflegung wurden sie zu Fuß Richtung Westen getrieben. „Rechts und links der Straße lagen die Toten. Entweder waren sie vor Erschöpfung gestorben oder sie waren erschossen worden, weil sie mit dem Tross nicht hatten mithalten können.“ Die nächste Station seines Überlebenskampfes war das Lager Bergen-Belsen, das Steinitz wegen der vielen Leichen bis heute auch „Sterbelager“ nennt. „Der Druck war so groß, dass man die Erschöpfung oder Trauer nicht spürte... Wir waren nur mit der Suche nach Essen beschäftigt, denn ,Essen hieß Leben. Sogar nach der Befreiung im April 1945 dachten wir als erstes ans Essen. Wir waren so abgestumpft und empfindungslos, dass wir keine Kraft hatten, uns zu freuen oder euphorisch zu sein.“

Und wie kehrt ein Mensch aus dem Konzentrationslager zu einem normalen Menschendasein zurück? „Zuerst hatte ich Rachegefühle. Doch es gab bald niemanden mehr, den man für die Verbrechen hätte verantwortlich machen können. Ich bin sehr vorsichtige im Umgang mit Menschen geworden. Später wurde mir bewusst, dass Rache nicht der richtige Weg ist. Viel wichtiger ist es, die Würde jedes einzelnen Menschen zu erhalten.“