10. Jahrgang Nr. 9 / 17. September 2010 – 9. Tischri 5771

Vorsicht, Rassismus

Versuche, Völker durch ihr Erbgut zu „erklären“, sind ein gefährlicher Wahn

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 9
Von Stephan J. Kramer

Der Rechtspopulist Thilo Sarrazin hat erneut für Wirbel gesorgt. Anlass war die Veröffentlichung eines Buches, in dem er vor einer feindlichen Übernahme Deutschlands durch die von ihm zum Hauptfeind ernannten Moslems warnt. Dafür wurde Sarrazin von allen maßgeblichen demokratischen Kräften verurteilt, darunter auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Damit ist die Affäre aber nicht ausgestanden. Nicht zuletzt gilt es, vor dem in Sarrazins Äußerungen immer unverhüllter zutage tretenden Rassismus zu warnen. Die Thesen des sich ins Schafspelz des Respektabilität hüllenden Extremisten drohen die politische Debatte über Immigration und Integration zu belasten und viele Gemüter zu vergiften.
Nach Sarrazins Meinung stellen die aus der islamischen Welt stammenden Migranten in Deutschland eine Belastung des „europäischen Gen-Pools“ dar. Das sieht er als eine Bedrohung an, sind doch Immigrantengruppen wie Türken und Araber in seinen Augen eine Gefahr für die europäische Zivilisation. Juden wiederum, erklärte der Provokateur, hätten „ein bestimmtes Gen“. Könnte es in vorliegenden Fall als ein Kompliment gemeint sein? Schließlich hat Sarrazin vor einigen Monaten die erfolgreiche Integration zugewanderter Juden in die deutsche Gesellschaft gewürdigt.
Genau an dieser Stelle müssen wir als Bürger der deutschen Demokratie und als Juden die Notbremse ziehen und solchem „Gedankengut“ eine Abfuhr erteilen. Wer nämlich über ganze Völker nach ihrem (vermeintlichen) Erbgut urteilt, erliegt einem Rassenwahn, der gegen die Menschenwürde verstößt und vom Judentum zurückgewiesen wird. Dass solches Denken auch in wissenschaftlicher Hinsicht Unsinn ist, muss kaum erwähnt werden. Wenn beispielsweise die Araber vom Schicksal mit einem so niedrigen Entwicklungsstand geschlagen wären, wie Sarrazin erkannt zu haben glaubt, hätten sie vor eintausend Jahren keine blühende Zivilisation mit hoch entwickelter Wissenschaft und Philosophie entwickelt, von deren Früchten die angeblich überlegene Zivilisation Europas bis heute zehrt.
Auch Sarrazins vermeintlich positive Meinung über die Juden vermag nicht zu überzeugen. Gewiss, Genetik ist ein interessantes und legitimes Gebiet der Wissenschaft. Das gilt auch für die Erforschung des genetischen Ursprungs der Juden. So etwa haben genetische Untersuchungen nicht erst jetzt gezeigt, dass Juden als Bevölkerungsgruppe einen gemeinsamen geographischen Nenner haben und bereits vor mehreren Tausend Jahren im Nahen Osten lebten. Auch ist es trotz jüngst sensationell aufgemachter Berichterstattung keine wirkliche Neuigkeit mehr, dass die meisten Juden in der Welt einander genetisch näher stehen als den Völkern, in deren Mitte sie leben. Das bestätigt wichtige historische Tatsachen – etwa den engen Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora –, macht aber eben nicht das Wesen des Judentums aus.
Im Gegenteil: Bereits in einer frühen Phase der Geschichte haben die Juden die genetische Definition des Volkes Israel abgelegt. Das Judentum definiert sich nicht über seine „Blutsbande“, sondern über seine Zivilisation, seinen Glauben und seine Kultur. Das jüdische Volk steht von jeher jedem offen, der sich ernsthaft seinen Werten, seiner Religion und seiner Schicksalsgemeinschaft anschließen will. Im Laufe der Geschichte haben sich sowohl Einzelne als ganze Volksgruppen dem Judentum angeschlossen. Hautfarbe, Rasse oder die Zugehörigkeit zu irgendeinem „genetischen Pool“ haben dabei keine Rolle gespielt. Nach jüdischer Tradition haben die Seelen der Konvertiten aller künftigen Zeiten zusammen mit den Seelen aller anderen Juden bei der Verleihung der Tora am Berg Sinai gestanden.
Wohlgemerkt ist es legitim, nach einer Erklärung für die Tatsache zu suchen, dass Juden in vielen Ländern zu den erfolgreicheren Bevölkerungsgruppen gehören. In diesem Zusammenhang kann man nicht nur auf die jüdische Lerntradition, sondern auch auf die offene Debatte als Grundform religiösen Denkens hinweisen. In reger, oft kontroverser Diskussion, ist denn auch der Talmud entstanden, der jüdisches Denken nachhaltig geprägt hat. Wer all das plump auf Erbgut reduziert, entblößt seine eigene Voreingenommenheit und sollte es statt mit Vorurteilen mit Lernen und Denken versuchen.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland