10. Jahrgang Nr. 8 / 27. August 2010 – 17. Elul 5770

Der lange Weg zum Rabbiner

Moshe Navon fand seine wahre Berufung erst spät. Schuld daran war auch Stalin.

Von Frederic Spohr

Wenn man Moshe Navon fragt, warum er Rabbiner wurde, dann ist seine erste Antwort: „Das ist so von Gott gewollt.“ Doch bis der heutige Rabbiner am Ziel war, dauerte es eine Weile, begann er doch sein Judaistikstudium in Jerusalem erst mit Ende Dreißig. Zuvor hatte Navon jahrelang als Elektroingenieur gearbeitet. Nach dem Studium blieb er zunächst als Dozent an der Universität und promovierte dort. Im Jahre 2007 erhielt der heute 55jährige am Hebrew Union College in Jerusalem seine Ordination zum liberalen Rabbiner.
Zunächst waren es die politischen Umstände, welche den Weg zum Rabbiner so schwer machten. Moshe Navon wuchs in der Sowjetunion auf. Wie auch andere überlebende Juden aus Moldawien wurden Navons Eltern in der Stalin-Zeit nach Sibirien deportiert und durften erst nach dem Tod des Diktators zurückehren. Doch aus Angst redeten Navons Eltern auch nach ihrer Rückkehr aus der sibirischen Verbannung fast nie mit ihm über das Judentum. Als Lehrer waren sie im Staatsdienst und befürchteten, dass der kleine Moshe Dinge ausplauderte, die die Familie in Schwierigkeiten bringen konnten. Erst als sein Vater starb, begann seine Mutter mit ihm über das Judentum zu sprechen. Da war der junge Mann 20 Jahre alt.
Einen lebendigen Zugang zur jüdischen Religion bekam er vor allem über seinen Großvater. Dieser brachte ihm Hebräisch bei und diskutierte mit ihm über Tora-Stellen. Er pflanzte die geistige Saat, die erst Jahre später aufgehen sollte, nachdem das Sowjetregime keine Gefahr mehr darstellen würde. Navon erinnert sich noch gut an die Schikanen und Diskriminierungen, welche die Juden in der UdSSR hinnehmen mussten: Zu Studienzeiten in St. Petersburg nahm ihn ein Freund zu Simchat Tora in die Synagoge mit. Am nächsten Tag wurde der Freund vom Dekan der Universität verwiesen. Ganz offenkundig wurden sie bespitzelt oder denunziert.
Wer wie Navon den Druck der Sowjetherrschaft erlebt hat, der kann nachvollziehen, wie und warum man sich von seiner eigenen Religion entfremdet. Wer aber das versteht, der weiß vielleicht auch besser, wie man die Menschen wieder an die Religion heranführen kann. Und genau das ist Navons Ziel in Deutschland.
In die Bundesrepublik kam Navon, weil er sich dafür einsetzen wollte, dass nicht nur das orthodoxe Judentum in Deutschland wieder Wurzeln schlägt, sondern auch das liberale. Nicht, weil er etwas gegen die Orthodoxie hätte – er selbst hat in Jerusalem auch an einem orthodoxen Institut studiert -, sondern „weil das Judentum 70 Gesichter hat und das auch gut so ist.“ Außerdem sei das liberale Judentum in Deutschland entstanden. „Es gibt viele wichtige liberale jüdische Schriften auf Deutsch“, sagt er. Für sein Vorhaben ist Navon prädestiniert: Schließlich ist er der einzige israelische liberale Rabbiner in Deutschland, der ursprünglich aus der Sowjetunion stammt und deswegen einen besonders guten Kontakt zu Einwanderern aus Osteuropa aufbauen kann.
Seit 2008 ist Navon Rabbiner in Deutschland. Derzeit betreut er die liberalen Gemeinden in Bad Pyrmont, im Kreis Unna und die Jüdische Gemeinde Ruhrgebiet in Oberhausen. Weil die Gemeinden allesamt zu klein sind, um ihm ein Auskommen zu sichern, ist er außerdem als Dozent an der Ruhr-Universität in Bochum tätig. Dass er nach Deutschland gekommen ist, bereut er es keineswegs. „Es ist toll zu sehen, welche Unterstützung man hier bekommt“, sagt er. Er spüre täglich auch, wie er das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden verbessern kann.
Wenn Navons Kinder irgendwann einmal nach Israel zurückkehren, dann sollen sie nach seinem Wunsch auch dort helfen, Brücken zur deutschen Gesellschaft zu schlagen. Navon selbst wird wohl noch eine Weile bleiben. Über seine Arbeit sagt er: „Es gibt hier einfach so viel zu tun.“