10. Jahrgang Nr. 8 / 27. August 2010 – 17. Elul 5770

Unheilige Allianz

Die arabischsprachige Kriegspropaganda des „Dritten Reiches“ verband nationalsozialistischen und islamischen Judenhass

Im Oktober 1939 war das „Dritte Reich“ recht beschäftigt. Im frisch besetzten Polen etablierten die NS-Besatzer ihre brutale Herrschaft, während sich Berlin im Glanz des militärischen Erfolgs sonnte. An der Westgrenze herrschte gespannte Ruhe, doch entstanden bei der Wehrmacht bereits Angriffspläne gegen westeuropäische Länder. Trotz solcher „Arbeitslast“ vergaß das NS-Regime auch den Nahen Osten nicht, wenngleich der ferne Schauplatz erst einmal mit Worten bombardiert wurde. Im Oktober 1939 nahm die deutsche Propagandamaschine arabischsprachige Sendungen für Nordafrika und Nahost auf, um die arabische Welt für das nationalsozialistische Deutschland einzunehmen. Wie wichtig die Propaganda für die arabische Welt den Nazis war, sollte sich an der konsequenten Fortsetzung der Rundfunkprogramme im Laufe des gesamten Krieges zeigen: Erst wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands verstummten die arabischen Sprachrohre. Dennoch gehört ihr Treiben zu den weniger bekannten Kapiteln des Zweiten Weltkrieges.
Umso größer ist das Verdienst des amerikanischen Historikers Jeffrey Herf, der die nazistische Agitation für den Orient in seinem Buch „Nazi Propaganda for the Arab World“ ebenso detailliert wie einsichtsreich analysiert hat. Dabei stützte sich Herf nicht zuletzt auf eine Quelle zurück, die – anderes als relevantes Material in Deutschland – den Krieg unbeschadet überstanden hat: Übersetzungen der Berliner Propagandasendungen, die während der Kriegsjahre von der US-Botschaft in Kairo, einem wichtigen Knotenpunkt der amerikanischen Kriegsanstrengungen, transkribiert und aus dem Arabischen ins Englische übersetzt wurden. Herf konnte sie im amerikanischen Nationalarchiv erschließen. Das Buch zeigt die NS-Ideologie aus einem besonderen Blickwinkel, rückt aber auch die unheilige Allianz der Nazis und ihrer arabischen Sympathisanten in den Mittelpunkt.
Selbstverständlich handelten die deutschen Machthaber nicht etwa aus einer wie auch immer gearteten Sympathie für die Araber, die auf der Skala des nationalsozialistischen Rassenwahns ebenso wie in der Wertschätzung der Nazis weit unten rangierten. In einem internen Memorandum dozierte etwa Wilhelm Melchers, Nahostexperte des Auswärtigen Amtes, das Dritte Reich habe keinen Grund zu Sentimentalität gegenüber „diesen Leuten“ – also Arabern, die er als grundsätzlich antieuropäisch und durch Religions-, Familien- und Stammesstreitigkeiten zerrissen sah. Melchers warnte denn auch davor, die Fähigkeit der Araber zur Staatsbildung zu überschätzen.
Dennoch biederte sich das NS-Regime in seinen Propagandasendungen den arabischen Zuhörern immer wieder an, etwa indem der Kriegermut und die Großzügigkeit der Araber betont wurden. Das dahinter stehende Kalkül: In der von den Alliierten beherrschten, strategisch wichtigen Nahostregion wollte Hitler arabische Verbündete gewinnen. Im Idealfall, so Berliner Hoffnungen, würden die Araber gegen die Amerikaner und Briten rebellieren und der – so der Plan – siegreich heranrückenden Wehrmacht zu einem schnelleren Triumph verhelfen. Wie realistisch diese Erwartung war, mag umstritten sein, doch rechtfertigte die Aussicht auf eine von Arabern gebildete fünfte Kolonne in den Augen der Nazis durchaus einige Anstrengungen. Umgekehrt hofften Hitlers arabische Verbündete auf deutsche Hilfe bei der Errichtung eigenständiger Staaten. Wie realistisch das war, mag ebenfalls umstritten sein - auch wenn das NS-Regime sich in den Kurzwellensendungen ebenso oft wie vage als ein überzeugter Verfechter arabischer Freiheit gab.
Unumstritten ist dagegen, dass der Hass auf Juden die Nazis und ihre arabischen Freunde miteinander verband. Antisemitische Inhalte waren nicht nur eines von vielen Elementen der arabischsprachigen Propaganda aus Berlin, sondern standen in deren Mittelpunkt. Eine während des Krieges erstellte Analyse des amerikanischen Militärnachrichtendienstes wies nach, dass antisemitische Inhalte streckenweise mehr als die Hälfte der gesamten Sendezeit beherrschten. Dabei durften selbstverständlich „klassische“ Motive der antijüdischen Propaganda, wie sie die Nazis bei ihrer antisemitischen Hetze in Deutschland selbst verwendeten, nicht fehlen. Ob „jüdische Gier“, die „jüdische Weltverschwörung“ oder der angeblich beherrschende jüdische Einfluss in den USA – all das wurde auf Arabisch in den Äther geschleudert.
Allerdings saßen in den Berliner Redaktionen keine bloßen Übersetzer. Vielmehr wurden die arabischen Sender von deutschen Orientalisten und arabischen Helfern betrieben, die das propagandistische Gift auch an die nahöstliche Szenerie und die Erwartungen ihrer Zuhörer anpassten. Ein häufiges Motiv waren apokalyptisch aufgemachte Warnungen vor jüdischen Plänen, den arabischen Raum zu beherrschen. Dabei wurden die Alliierten als Mitverschwörer des jüdischen Feindes dargestellt. Im September 1943 warnte der arabische Nachrichtensprecher aus Berlin, „die Juden“ wollten alle arabischen Länder besetzen und dort jüdische Bevölkerungsgruppen ansiedeln. Ein alliierter Sieg werde diese finsteren Pläne Realität werden lassen und die Araber zum Nomadenleben verdammen.
Zum Teil wurden antisemitische Inhalte „made in Berlin“ nicht nur gesendet, sondern auch gedruckt und in den Teilen der arabischen Welt, zu denen deutsche Agenten und Diplomaten Zugang hatten verteilt. Als Beispiel für die Anpassung nazistischer Vorurteile an örtliche Gegebenheiten kann ein arabischsprachiges Flugblatt dienen, das in Tunis und Tangier verteilt wurde: „Die Nordafrikaner verstehen, dass die Juden, die in Tunesien, Algerien und Marokko wohnen, kein Land bebauen, keine Straßen instand setzen, keine Häuser bauen, sondern jüdischen Berufen nachgehen…. Werden die Juden Freunde von Königen sein, während die Araber zu Dienern werden?“ Auf die weltpolitische Unwissenheit ihrer Zuhörer setzend, erlaubten sich die arabischsprachigen Propagandisten auch Freiheiten, die sich ihre Kollegen von anderen Abteilungen nicht herausnehmen konnten. So etwa wurde US-Präsident Franklin Roosevelt in den Jahren 1942 und 1943 als Jude dargestellt, während er in Europa „nur“ als Judenknecht geschmäht wurde. Ein anderes Mal wurde Roosevelt in einer arabischen Sendung gar als „Großrabbiner“ bezeichnet.
Auch die Palästinafrage wurde zu antisemitischer Propaganda genutzt. Mit ihren arabischen Freunden waren sich die Nazis in dem Wunsch einig, die Entstehung eines jüdischen Staates zu verhindern und die im britischen Mandatsgebiet Palästina lebende jüdische Bevölkerung zu vernichten. „Dreckiger Jude!“ drohte Berlin dem zionistischen Führer Chaim Weizmann, „Palästina bleibt ein arabisches Land.“ Araber, so eine weitere, historisch unsinnige, aber für die Propaganda gelungen gewähnte These der Nazis, seien bereits seit „Tausenden von Jahren“ die rechtmäßigen Besitzer Palästinas. So wurden „Antizionismus“ und Antisemitismus bereits damals zu zwei Seiten einer Medaille.
Für die herausragende Rolle des Palästinakonflikts in der Berliner Propaganda sorgte nicht zuletzt der Großmufti von Jerusalem, Amin El-Husseini. Der als Extremist bekannte El-Husseini war 1937 vor den Briten aus Palästina geflüchtet, verbrachte den Krieg in luxuriöser Obhut der Nazis in Berlin und wurde von den Größen des Regimes hofiert. Hitler selbst titulierte ihn respektvoll „der Große Führer“. Sich in die NS-Propaganda einspannen zu lassen, war für El-Husseini eine Selbstverständlichkeit. Allerdings ging es El-Husseini nicht nur um Palästina, sondern durchaus auch um Juden. „Araber!“ rief er im Jahre 1944 höchstpersönlich in den Äther. „Erhebt Euch wie ein Mann. Bringt die Juden um, wo immer Ihr sie findet. Damit dient ihr Gott, der Geschichte und der Religion.“ In einer anderen Radioansprache begründete er die von ihm gepriesene deutsch-arabische Freundschaft unter anderem damit, Deutschland habe sich entschlossen, eine endgültige Lösung für die jüdische Gefahr zu finden. Nach Kriegsende durfte der Mufti übrigens unbehelligt in den arabischen Raum ausreisen.
Um ihre Überzeugungskraft in der arabischen Welt zu erhöhen, stellten die NS-Propagandisten immer wieder Verbindungen zwischen ihrer Ideologie und dem Islam her. Aus den Berliner Sendungen ging hervor, das NS-Regime sehe im Islam eine Parallele zur nationalsozialistischen Auflehnung gegen die politische Modernität des Westens. Wie der Nationalsozialismus, lobte Berlin, räume auch der Islam Tugenden wie Frömmigkeit, Gehorsam, Gemeinschaftssinn und Einheit den Vorrang vor Skeptizismus, Individualismus und Zerstrittenheit ein. Selbstverständlich sahen die Nazis im Islam auch einen Verbündeten im Kampf gegen Juden: Beide, so ihre Argumentation, wollten sich „vom jüdischen Joch befreien“; beide sähen im Kampf gegen das Judentum die Erfüllung göttlichen Willens. Ein internes Memorandum empfahl, die im Hinblick auf Juden bestehende Zielidentität zwischen dem Nationalsozialismus und dem Islam zu betonen und stellte jeweils ein passendes Zitat aus „Mein Kampf“ und aus dem Koran gegen
über. Im Ansatz gab es sogar Versuche, Hitler zu einem Gesandten Gottes im Sinne islamischer Vorstellungen zu erklären. Zwar blieben entsprechende Ansätze in Widersprüchen stecken, doch zeigt beispielsweise eine Rede Heinrich Himmlers vom Januar 1944, in welche Richtung der Versuch, Hitler für den Islam doch noch relevant zu machen, ging. Vor moslemischen Freiwilligen der Waffen-SS erklärte Himmler, Moslems und Deutsche seien dem Schicksal gemeinsam dafür dankbar, dass Gott Europa und der ganzen Welt den „Führer“ als Befreier gesandt habe.
Wie erfolgreich die arabischsprachige NS-Propaganda war, lässt sich schwer einschätzen. In den frühen vierziger Jahren war der Radiobesitz in der arabischen Welt nicht allzu sehr verbreitet. 1941 schätzten amerikanische Experten, dass es in Ägypten 55.000 Kurzwellenempfänger gäbe, in Syrien 6.000 und in Saudi-Arabien nur 25. Allerdings ist die Zahl der Zuhörer im Laufe der Kriegsjahre wahrscheinlich gestiegen. In jedem Fall waren die Alliierten der Auffassung, dass die antisemitische Propaganda der Nazis in der arabischen Welt auf offene Ohren stieß. Deshalb haben sie es in ihrer eigenen Propagandaarbeit unterlassen, die Nazis wegen ihres Antisemitismus anzugreifen. Das, so ihre Befürchtung, würde Hitler und Komparsen nur Sympathien einbringen. So blieb die aus Berlin verstreute Hasspropaganda gegen Juden in alliierten Sendungen unwidersprochen.
Fest steht, dass die von den NS-Sendern propagierte Verbindung alter islamischer Ressentiments gegen Juden auf der einen und des Antisemitismus nazistischer Art auf der anderen Seite in der arabischen und islamischen Welt Spuren hinterlassen hat. Dieses Thema gehört nicht zu Herfs Untersuchungsbereich und wird in dem Buch bewusst ausgelassen. Allerdings weiß jeder, der islamistische Propaganda verfolgt, dass es zum Teil frappierende Ähnlichkeiten gibt. Bereits rein optisch weisen viele arabische Karikaturen, auf denen Juden abgebildet sind, große Ähnlichkeit mit dem NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ auf. Herf selbst empfiehlt, dieses Thema gründlicher als bisher zu erforschen. Ein wichtiges Untersuchungsobjekt sind solche Querverbindungen allemal.
wst