10. Jahrgang Nr. 8 / 27. August 2010 – 17. Elul 5770

Zukunft im Nebel

Bevölkerungsschwund, Identitätsverlust und Veränderung der religiösen Struktur prägen die Demographie amerikanischer Juden

In den siebziger Jahren erschien in einer israelischen Zeitung eine boshafte Karikatur. Sie bildete einen jungen Mann ab, der seiner Mutter erklärt, er wolle sich in einem Land niederlassen, in dem jüdisches Leben blüht, die Juden stark sind und sich der Tradition ihrer Vorväter verpflichtet fühlten. Deshalb, so die Pointe, ziehe er in die USA. Wie jeder gute Witz enthielt auch jener ein Körnchen Wahrheit: Vor vier Jahrzehnten hatte das amerikanische Judentum eine nie da gewesene innere Kraft erreicht. Die zahlenmäßige Stärke der jüdischen Bevölkerung wurde auf 6,1 Millionen Seelen geschätzt. Das Gros der jüdischen Bevölkerung hatte die Merkmale einer Immigrantengemeinde längst abgelegt, war ökonomisch erfolgreich und fühlte sich in den USA verankert, doch hielt sich die Assimilation bei einer Mischehenrate von nur dreizehn Prozent noch in Grenzen. Die Lage der Juden sah so gut aus, wie es kaum eine andere jüdische Gemeinschaft in der Diaspora je erlebt hatte.
Im Rückblick ist aber zu erkennen, dass jene Zeit nicht die Frühphase einer nicht enden wollenden jüdischen Blüte, sondern ein Gipfel war, nach dessen Erreichen es bergab ging, und zwar schnell. In den letzten vier Jahrzehnten ist die Zahl der Juden um fast eine Million gesunken. Dies, obwohl in dieser Zeitspanne mehrere Hunderttausend jüdische Immigranten, aus der Sowjetunion beziehungsweise deren Nachfolgerepubliken, aber auch aus anderen Ländern zugewandert sind.
Einer der Gründe für die rückläufige demographische Entwicklung sind niedrige Geburtenzahlen. Mit durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau liegt die jüdische Reproduktionsrate unter dem für den Bevölkerungserhalt erforderlichen Niveau von 2,1 Sprossen. Es gibt aber einen weiteren, nicht minder gewichtigen Grund: Jeder zweite Jude beziehungsweise Jüdin, die in den Stand der Ehe tritt, heiratet einen nichtjüdischen Partner. Nur vier von zehn aus Mischehen hervorgehenden Kindern identifizieren sich mit dem Judentum, drei Viertel von ihnen heiraten Nichtjuden und nur vier Prozent erziehen ihre eigenen Kinder, also die dritte Generation, als Juden. Dadurch beschleunigt sich der statistische Rutsch nach unten. Innerhalb von dreißig Jahren wird die jüdische Bevölkerung der USA gegen drei Millionen tendieren, auch wenn die Spannweite der Prognosen recht groß ist. Bei einer insgesamt expandierenden Gesamtbevölkerung würde der Bevölkerungsanteil der US-Juden von 1,7 Prozent heute auf 0,8 Prozent im Jahre 2040 sinken. Noch im Jahre 1970 waren es rund drei Prozent.
Ein weiteres – nicht zu unterschätzendes - Problem sind die hohen Kosten, die ein engagiertes jüdisches Leben mit sich bringt. Einer Schätzung zufolge muss eine Familie, die zwei Kinder auf eine jüdische Tagesschule und jüdische Sommerlager schickt und einer Synagogengemeinde angehört, die von ihren Mitgliedern nicht unbedeutende Gebühren erhebt, einen Mehraufwand von rund 30.000 Dollar pro Jahr in Kauf nehmen. Falls die Familie koscher isst, erreichen die Mehrkosten ein noch höheres Niveau. Nun gehören Juden zwar zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Bevölkerungsgruppen der USA, doch können solche Beträge von vielen erst gar nicht aufgebracht werden und wirken auch auf gut situierte Haushalte oft abschreckend.
Der Identitätsverlust hat solche Ausmaße erreicht, dass ihn der jüdische Soziologe Steven Cohen bereits als eine „demographische Kernschmelze“ bezeichnete. Allerdings sind nicht alle jüdischen Gruppen davon betroffen: Während die Gesamtzahl der Juden zurückgeht, weisen orthodoxe Familien ein rapides Bevölkerungswachstum auf. Nach einer Erhebung von Jack Wertheimer, Geschichtsprofessor am New Yorker Jewish Theological Seminary, gehen die Fruchtbarkeitsschätzungen für modernorthodoxe Familien in den USA von mindestens 3,3 Kindern pro Frau aus, während es bei ultraorthodoxen Frauen sogar 6,6 Kinder sind. Sollte ein solches Tempo in den kommenden Jahrzehnten anhalten, könnte die orthodoxe Bevölkerung in den kommenden vierzig Jahren ihre zahlenmäßige Stärke von heute rund einer halben Million auf zwei Millionen vervierfachen. Bei gleichzeitig rückläufiger Gesamtentwicklung der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung würde der orthodoxe Anteil an der Gesamtzahl der US-Juden, der heute bei rund einem Zehntel liegt, rasch steigen. Zwar sind auf mehreren Unbekannten beruhende Prognosen hochriskant, doch könnte zur Jahrhundertmitte ungefähr jeder zweite in den USA lebende Jude orthodox sein, Tendenz steigend. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts würden die Orthodoxen die Schrumpfung der jüdischen Bevölkerung aufhalten und für erneutes Wachstum sorgen – selbst, wenn ihre Geburtenraten dann nachlassen.
Die wie es scheint unaufhaltsame Verschiebung des demographischen Gewichts würde nicht nur den religiösen, sondern auch den sozialen und politischen Charakter des amerikanischen Judentums grundlegend verändern. Sind die meisten Juden in den USA heute eher liberal und parteipolitisch linksorientiert, so würde ein Übergewicht der Orthodoxie zur Dominanz von religiös wie politisch konservativen Kräften führen. Die große Frage lautet, ob dann noch von einem amerikanischen Judentum die Rede sein kann oder ob die „freien“ und die „gesetzestreuen“ Juden endgültig auseinanderdriften.
wst