10. Jahrgang Nr. 8 / 27. August 2010 – 17. Elul 5770

Glück braucht Regeln

Der Monat Tischrei lehrt uns verantwortlichen Umgang mit unserem Leben

Das Judentum ist eine Religion, die Glück und Lebensfreude ausdrücklich bejaht. Allerdings weiß das Judentum auch, dass der Mensch verantwortungsvoll leben muss, um sein Glückspotential langfristig zu verwirklichen. Das macht uns der Tischrei mit besonderem Nachdruck klar, indem er während der größten Häufung von Feiertagen, die der jüdische Kalender kennt, freudige und nachdenkliche Elemente zu einer Einheit verknüpft.
Gleich am ersten Tag des Monats, also zu Rosch Haschana, feiern wir nicht nur den Beginn eines neuen Jahres, sondern sozusagen auch den Geburtstag der Menschheit, wurde doch der Mensch nach jüdischer Überlieferung am 1. Tischrei erschaffen. Sicherlich ein Anlass zur Freude. Gleichzeitig aber beginnen am Neujahrstag die zehn Tage der Umkehr. Während dieser Zeit ist der Mensch in besonderem Maße aufgefordert, sein Gewissen zu prüfen und um Vergebung für seine Verfehlungen zu bitten – eine Verantwortung, der sich durch die Glaubensrituale an diesem Tagen vielleicht leichter nachkommen lässt. Die zehn Tage der Umkehr gipfeln im Versöhnungstag, Jom Kippur, an dem unser zu Rosch Haschana bestimmtes Schicksal für das kommende Jahr nunmehr besiegelt wird. Für den Versöhnungstag gilt das Gebot: „Ihr solltet Eure Seelen peinigen“ (3. Buch Mose 23:27). Durch den von absoluter Arbeitsruhe begleiteten Entzug alltäglicher Genüsse wird der Mensch zu tiefer Introspektion angeregt, damit er – hoffentlich – geläutert in den Alltag zurückkehren kann.
Fünf Tage nach Jom Kippur beginnt Sukkot, das Laubhüttenfest, und auch hier fließen unterschiedliche Lebensbereiche zusammen. Zum einen erinnert Sukkot an die dem jüdischen Volk nach dem Auszug aus Ägypten wegen seines Kleinmuts auferlegte vierzigjährige Wüstenwanderung – eine Erinnerung daran, dass unsere Freiheit ohne den Glauben an die Zukunft verkümmert. Wer sich während des Festes in der Sukka aufhält, spürt vielleicht, wie sehr das auch heut gilt. Gewiss: Bei seiner Zukunftsplanung darf der Mensch nicht übermütig werden. Auch das wäre verantwortungslos, doch ist er aufgefordert, die Zukunft bewusst in sein Leben zu integrieren – eine Aufgabe, die oft viel Mut verlangt. Sukkot ist zugleich ein Erntefest, bei dem sich der Mensch über die Früchte seiner Arbeit freuen darf, allerdings nur, wenn er vorher den Acker bebaut hat: Die Fähigkeit, etwas dem Nichts zu schaffen, ist dem Menschen nämlich nicht gegeben. So wird die Freude des Erntenden, auch im übertragenen Sinne, an die Erfüllung seiner Pflichten geknüpft.
Pflichterfüllung ist natürlich auch das Leitmotiv von Simchat Tora, dem Fest, an dem die Gewährung der Tora gefeiert wird: der g-ttlichen Weisung und einer zeitlosen Verfassung für das jüdische Volk. Auch hier gilt: Verantwortungsvolles Handeln hilft uns, unser Leben zu bewältigen. In der Tora fordert G-tt (3. Buch Mose 18:5) die Einhaltung Seiner Gesetze und verkündet: Ascher ja’asse otam ha-Adam we-chaj bahem – „Der Mensch, der sie befolgen wird, wird durch sie leben“. So feiern wir zu Simchat Tora keine willkürliche Ansammlung von Vorschriften, sondern einen Lebenskodex , ein Gerüst, ohne das unsere Existenz nicht möglich wäre – nicht nur die Existenz des jüdischen Volkes, sondern auch die großenteils auf biblischer Ethik beruhende Menschheitszivilisation.
Natürlich sollten nicht nur Einzelne, sondern auch die jüdische Gemeinschaft als Ganzes den Jahresanfang zu einer Prüfung ihres Handelns im abgelaufenen Jahr und zur Debatte über notwendige Änderungen nutzen. Auch für uns als Kollektiv gilt, dass wir fehlbar sind, dafür aber die Fähigkeit haben, Dinge zu ändern und zu verbessern. Allerdings dürfen gute Vorsätze des Monats Tischrei – beim Einzelnen wie beim Kollektiv - nicht zu einer Neuerungswut um der Neuerung willen ausarten. Der richtige Umgang mit dem Leben bedeutet nämlich nicht nur, das Nötige zu ändern, sondern auch, das Bewährte zu behalten. Wer wüsste das besser als unser Volk, das dank seiner Traditionstreue viele schwere Epochen überstanden hat. Allein schon im Namen Rosch Haschana verbirgt sich ein interessantes Wortspiel, lässt sich doch das Substantiv „Schana“ (Jahr) mit zwei ähnlichen, aber bedeutungsverschiedenen Verben verbinden. Das eine ist „leschanot“ – verändern, das andere „lischnot“ – wiederholen. Wir sollten um die Fähigkeit bitten, zwischen dem zu Verändernden und dem zu Bewahrenden auch im Jahr 5771 unterscheiden zu können.

Schana tova!

zu