10. Jahrgang Nr. 8 / 27. August 2010 – 17. Elul 5770

Einer für alle

Der Zentralrat hat sich als die Vertretung jüdischer Interessen in Deutschland bewährt

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 8
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 8
Von Stephan J. Kramer

Vor sechzig Jahren kamen Repräsentanten jüdischer Gemeinden aus den vier Besatzungszonen Deutschlands in Frankfurt am Main zusammen, um eine gemeinsame Interessenvertretung zu gründen, den Zentralrat der Juden in Deutschland. Der äußere Rahmen war denkbar bescheiden, die in einer Privatwohnung zusammengerückten Tische haben, wie berichtet wurde, gewackelt. Dennoch war es ein Ereignis von großer Tragweite: Die Gründung des Zentralrats war eine Anerkennung der Tatsache, dass ein bestimmter Teil der 250.000 Juden, die auf deutschem Boden befreit wurden, oder die es nach dem Holocaust nach Deutschland verschlagen hatte, das Land zumindest nicht in unmittelbarer Zukunft verlassen würde.
Neben der Sicherung von Grundbedingungen für die Existenz jüdischen Lebens und dem Kampf gegen den Antisemitismus gehörte damals auch die Vertretung der Interessen von Holocaust-Überlebenden bei der Entschädigung von Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes zu den Kernaufgaben des Zentralrats. Seine Entstehung stand auch in engem Zusammenhang mit der vierzehn Monate zuvor erfolgten Gründung der Bundesrepublik Deutschland: Deren Exekutive und Legislative suchten einen anerkannten jüdischen Ansprechpartner für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen dem neuen Staat und seinen jüdischen Bewohnern.
Seitdem hat sich das jüdische Leben in Deutschland, wie man weiß, grundlegend verändert. Aus der kleinen, von Selbstzweifeln geplagten und gegenüber der deutschen Umgebung – aus damals nicht unverständlichen Gründen – reservierten Gruppe hat sich die jüdische Bevölkerung zu einem selbstbewussten, aktiven Teil der bundesdeutschen Gesellschaft entwickelt, an deren Zukunftswillen kein Zweifel mehr besteht. Die Aufgaben des Zentralrats sind vielfältiger denn je geworden. Am Grundprinzip seiner Arbeit hat sich aber nichts geändert: Der Zentralrat ist nach wie vor der Wahrung der gemeinsamen Interessen aller in Deutschland lebenden Juden verpflichtet.
Dabei ist eine freiwillige, zentrale Vertretungsorganisation in der Geschichte der Juden in Deutschland ein Novum. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik brachte die jüdische Gemeinschaft eine lange Reihe bedeutender Organisationen hervor, aber keine zentrale Vertretung, die sich als der gemeinsame Nenner aller Juden verstanden hätte. Als Rabbiner Leo Baeck im September 1933 die diesem Anspruch weitgehend genügende „Reichsvertretung deutscher Juden“ ins Leben rief, war das eine dem bereits massiven Verfolgungsdruck entspringende Notmaßnahme.
Als umso erfreulicher muss gelten, dass der Zentralrat auch sechzig Jahre nach seiner Gründung die Funktion des gemeinsamen Nenners zu erfüllen vermag, und zwar mit guten Ergebnissen. Das zeigte sich, um ein herausragendes Beispiel zu nennen, nicht zuletzt nach der deutschen Vereinigung, als die Bundesregierung und die Länder auf der einen und der Zentralrat auf der anderen Seite die Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge in der Bundesrepublik vereinbarten. Allerdings ist die Liste der Vorhaben, die der Zentralrat gemeinsam mit Partnern aus Politik und Gesellschaft – oder auch mit jüdischen Einrichtungen aus dem Ausland - erfolgreich in die Wege geleitet hat, lang. Man denke nur an die Gründung der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg im Jahre 1979 und - jeweils im Abstand von einem Jahrzehnt - der beiden Rabbinerausbildungsstätten: des Abraham-Geiger-Kollegs und des Hildesheimerschen Rabbinerseminars. Damit entstand eine langfristige Grundlage für die religiöse und geistige Betreuung der Gemeinden. Im Jahre 2003 wurde auch die Arbeit des Zentralrats durch einen 2008 nachgebesserten Vertrag mit der Bundesregierung langfristig abgesichert. Natürlich ist die Existenz einer Zentralvertretung für das Erscheinungsbild der jüdischen Gemeinschaft in der nichtjüdischen Umwelt wichtig.
Neben den Erfolgen gibt es aber auch Herausforderungen. Je vielfältiger das jüdische Leben in Deutschland wird, desto größer das Risiko, dass sich zentrifugale Kräfte bemerkbar machen und die gemeinsame Dachorganisation an Einfluss verliert. Bisher ist es, wohlgemerkt, gelungen, die Rolle des Zentralrats als einer unparteilichen, diverse Strömungen integrierenden Vertretung aller Juden in der Bundesrepublik zu bewahren. Voraussetzung dafür war und bleibt die Erkenntnis aller Akteure, dass das Verbindende in unserer Gemeinschaft weitaus stärker als das Trennende ist. Es ist für das Wohl unserer Gemeinden entscheidend wichtig, dass diese Erkenntnis auch in Zukunft unser aller Schritte lenkt.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland