10. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2010 – 12. Aw 5770

Die bedrohte Zunge

Die Zahl der Juden, die Ladino sprechen, geht zurück

Wer Ladino als Alltagssprache heute noch hören will, muss sich schon etwas Mühe geben. Vielleicht wird sich das ältere Ehepaar auf der Parkbank in Tel-Aviv über die Studienerfolge des Enkels in der altehrwürdigen Sprache freuen. Oder zwei Senioren in Istanbul Neuigkeiten aus der Synagoge austauschen. Ansonsten aber sind die Chancen, eine Konversation in Judeo-Espanyol, wie es ebenfalls genannt wird, zu hören, denkbar gering.
„Es ist ein trauriger Befund, doch muss man realistischerweise sagen, dass Ladino als eine gesprochene Sprache dahinwelkt", sagt Professor David Bunis, der Ladino an der Hebräischen Universität in Jerusalem erforscht und unterrichtet. Nach Bunis' Schätzung sprechen heute noch rund 100.000 Menschen Judäospanisch – offizielle Statistiken gibt es nicht. Rund neunzig Prozent von ihnen leben in Israel, zumeist Einwanderer aus der Türkei. In der Türkei selbst lebt die mit mehreren Tausend Personen größte Gruppe von Ladino sprechenden Juden in der Diaspora. Die anderen, jeweils eine winzige Zahl, verteilen sich auf Griechenland, Bulgarien, Länder des ehemaligen Jugoslawiens, die USA und Lateinamerika. Mehr als das: Fast alle, die Ladino im Alltag verwenden, sind heute älter als Siebzig.
Wie Jiddisch entstammt auch Ladino einer europäischen Sprache des Mittelalters – dem kastilischen Spanisch und enthält, wie Jiddisch, eine Beimischung von Wörtern aus dem Hebräischen und aus Sprachen der jeweiligen Wohnländer, nahmen doch Juden bei der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel - dem jüdischen Sefarad - Judeo-Espanyol in die Weiten des Osmanischen Reiches und nach Nordafrika mit. Dabei blieb Ladino dem Kastilischen näher als Jiddisch dem Deutschen, doch haben iberische Juden manche Wörter verändert. So etwa heißt der Sonntag, dem Arabischem entlehnt, Alhad (Arabisch: „Jom al-Achad – „der erste Tag der Woche") statt des christlich geprägten „Domingo". Und weil das spanische Wort für Gott, „Dios", in jüdischen Ohren nach einem religiös unzulässigen Plural klang, wurde der Schöpfer des Universums in betontem Singular „Dio" genannt.
Generationen von Schriftstellern und Dichtern schufen eine reichhaltige Schatzkammer von Kulturwerken, beginnend mit Bibelübersetzungen über religiöse Traktate bis hin zu weltlicher Literatur und einer vielfältigen Zeitungslandschaft. Ende des 19. Jahrhundert lag die Zahl der Ladino-Sprecher bei rund einer halben Million. Dann aber begann der Niedergang. Im Osmanischen Reich stieg Französisch zur Bildungssprache der jüdischen Elite auf. Nach dem Ersten Weltkrieg wandten sich Juden in zunehmendem Maße den jeweiligen Landessprachen zu. Im griechischen Saloniki, der neben Istanbul wichtigsten Hochburg von Ladino, wurden Juden im Zuge der amtlich verordneten Hellenisierung des öffentlichen Lebens zur Verwendung des Griechischen gedrängt. In der neuen türkischen Republik setzte sich Türkisch als Bildungssprache auch unter Juden durch. So geriet Judeo-Espanyol zu Unrecht in den Ruf einer Sprache für Ungebildete. Viele Eltern wünschten sich überdies, dass ihre Kinder die Landessprache ohne fremden Akzent sprachen, damit sie in Beruf und Gesellschaft besser vorankamen. Einer Ladino sprechenden Familie entstammte übrigens auch der in Bulgarien geborene, deutschsprachige Literaturnobelpreisträger Elias Canetti.
Im vergangenen Jahrhundert wurden Ladino-Sprecher vom Zugang zum alten Schrifttum abgeschnitten. Waren judäospanische Texte Jahrhunderte lang mit hebräischen Buchstaben, hauptsächlich in der Raschi-Schrift, verfasst worden, so fand im 20. Jahrhundert ein Übergang zu lateinischen Buchstaben statt. Die Raschi-Schrift können allerdings auch die wenigsten säkularen Israelis entschlüsseln. Daher sind Kenntnisse des herkömmlichen hebräischen Alphabets keine Gewähr für erfolgreiche Lektüre traditioneller Ladino-Texte. Durch den Holocaust, dem nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von Saloniki zum Opfer fiel, wurden die Reihen der Ladino-Sprecher auf tragische Weise gelichtet. Türkische Juden wiederum wanderten in der Nachkriegszeit mehrheitlich nach Israel aus und gesellten sich zu der bis dahin im Heiligen Lande lebenden, kleinen Bevölkerung der Ladino-Sprecher hinzu.
Heute erscheint in Israel die judäospanische Zeitschrift „Aki Yerushalayim" (www.aki-yerushalayim.co.il). In der Türkei druckt die jüdische Wochezeitung Salom (www.salom.com.tr) eine Seite auf Judeo-Espanyol. Ebenfalls in der Türkei erscheint, mehrmals im Jahr, die Zeitschrift El Amaneser („Die Morgendämmerung").
Heute wird der Wert von Ladino durchaus erkannt. Im Jahre 1997 rief Israel eine Nationalbehörde für Ladino ins Leben (Autoridad Nasionala del Ladino), die sich der Pflege jüdisch-spanischer Kultur und Tradition verschrieben hat. Der wohl bekannteste Bewahrer dieser Tradition ist Jitzchak Navon, ehemaliger Staatspräsident Israels und Nachfahre von Juden, die im 17. Jahrhundert aus der Türkei nach Israel gekommen waren. Eine Reihe von Universitäten in Israel wie in der Diaspora bieten Ladino-Studien an. Gleichzeitig nimmt das Interesse an judäospanischer Musik und Folklore zu, gehören Ladino-Abende zum Repertoire zahlreicher Konzertsäle. Eine kleine Schar von Literaten schreibt noch immer in der alten Sprache; viele junge Juden entdecken Ladino als ein Element ihres geistigen Erbes. So ist zu hoffen, dass wenigstens ein Teil der alten Kultur auch in Zukunft erhalten bleibt.
wst