10. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2010 – 12. Aw 5770

Zurück in die neue Heimat

William Wolff musste einst aus Deutschland flüchten – und kehrte als Rabbiner zurück.

Von Frederic Spohr

Seine Kindheit in Berlin dauerte nur sechs Jahre, doch kann sich William Wolff, Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, noch gut daran erinnern. Es war die Zeit, als er noch Wilhelm hieß, mit seinen Geschwistern vor der Wohnung am Spreeufer spielte und mit seiner Familie regelmäßig die Synagoge an der Lessingstraße besuchte. Allerdings hat die Erinnerung auch düstere Seiten: „Auch als Kinder bekamen wir durchaus mit, wie wir als Juden beschimpft wurden.“
Wolffs Familie erkannte die Gefahr und verließ Deutschland im Jahre 1933. Zuerst ging es in die Niederlande, doch fiel es den Wolffs schwer, dort Fuß zu fassen. Die Geschäfte des Vaters liefen nicht an, und so siedelte die Familie 1939 nach London über: nur wenige Monate bevor das „Dritte Reich“ die Niederlande besetzte.
Schon in seiner Jugend entwickelte William zwei Berufswünsche, die eigentlich nicht so richtig zusammenpassen: Journalist und Rabbiner. In seinem späteren Leben jedoch sollte er beide Berufe ergreifen. „Ich kann Ihnen nicht sagen warum, aber beide Berufe haben mich einfach interessiert, und es entspricht meiner Natur, dem auch nachzugehen“, sagt der heute Dreiundachtzigjährige. Rabbiner war sein liebster Wunsch, blieb aber vorerst unerfüllt: „Die Ausbildung zum Rabbiner konnte ich mir damals einfach nicht leisten“, sagt Wolff.
So wurde er zuerst Journalist – und das mit Erfolg. Wolff arbeitete sich bis zum Ressortleiter des Daily Mirror hoch. Allerdings wurde der Drang, auch noch den anderen Traum zu verwirklichen und Rabbiner zu werden, immer stärker. Also absolvierte er zwischen 1979 und 1984 die Rabbinerausbildung am Leo Baeck College.
Anschließend übernahm Rabbiner Wolff mehrere Gemeinden in England, darunter in Brighton und Wimbledon. Sein guter Freund Ernst Stein, ehemals Rabbiner in Berlin, wollte ihn schon bald nach Deutschland locken. Zunächst lehnte Wolff noch ab. „Dann habe ich aber gehört, dass man sich in meiner alten Gemeinde in England wegen meins Alters Sorgen macht“, sagt er und lacht. In Deutschland dagegen brauchte man ihn – also sagte er schließlich doch zu. Seit 2002 ist er Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern.
Auch wenn Wolff aus Deutschland einst vertrieben wurde, hatte er keine Berührungsängste gegenüber seiner alten Heimat. „Deutschland ist heute ein normaler demokratischer Staat“, sagt er. Teil dieses neuen Deutschlands zu sein, sei für ihn eine große Bereicherung. Das ursprüngliche Heimatland und die Muttersprache hätten eben eine besondere Bedeutung im Leben eines Menschen. Als deutscher Jude, der den Beginn der NS-Verfolgung miterlebte und dennoch zurückkehrte, spielt er bei der Aussöhnung eine ganz besondere Rolle. Sein Einsatz für Toleranz wurde 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt
In Mecklenburg-Vorpommern ist er Rabbiner für über zweitausend Juden; nur drei von ihnen sind keine Zuwanderer. Um sich besser um seine Gemeindemitglieder kümmern zu können, hat er Russisch gelernt. Er fände es schön, wenn sich in seinem Wirkungsbereich dauerhaft eine lebhafte jüdische Gemeinde etablieren könnte. „Ob das gelingt“, sagt er jedoch, „liegt letztendlich nicht in meiner Hand.“ Denn vor allem die jungen Leute zieht es wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den Westen. So ist seine letzte Arbeit vor dem Ruhestand wahrscheinlich auch die schwierigste. Wolffs Ziel ist es, die Menschen so gut wie möglich betreuen. „Ich bin niemand, der sich große Ziele steckt“, sagt er bescheiden. Dennoch hat er in seinem Leben Großes erreicht.