10. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2010 – 12. Aw 5770

Die vergessene Festung

In Gamla stellten sich jüdische Verteidiger Roms mächtigen Legionen in den Weg

Der Geier kreist über dem Gebirge, verharrt im Aufwind und geht in leichten Sinkflug über. Einen Augenblick lang können ihn die Menschen, die auf dem Bergkamm stehen, auf Augenhöhe sehen: ein Erlebnis, das dem Städter selten widerfährt. Dann aber richtet sich der Blick wieder nach unten: In der Mitte des großen Tals erhebt sich, wie eine Insel, ein lang gestreckter Hügel, dessen beide Langhänge sich aus der Versenkung heraus erheben und einen Gebirgsgrat bilden, wie zwei Planen eines Zeltes. Oder, um eine nahöstliche Assoziation heranzuziehen, wie der Höcker eines Kamels. Deshalb wurde die Stadt, deren Ruinen, einen Kilometer vom Beobachtungspunkt entfernt liegen, um die Zeitenwende Gamla genannt – eine Ableitung von Gamal, wie das Kamel auf Hebräisch heißt.
Gamla zu erreichen, ist auch im 21. Jahrhundert nicht für jedermann einfach. Vom Beobachtungspunkt geht es über den weniger als einen Meter schmalen, felsigen Bergpfad steil nach unten, wobei nicht nur diese Schwierigkeit, sondern auch die Aussicht auf den Wiederaufstieg viele abschreckt. Wer sich der Mühe aber unterziehen will und kann, sieht sich in eine Stätte der antiken Welt versetzt, die ihresgleichen sucht.
Gamla war im Laufe der frühen menschlichen Geschichte nicht durchgehend bewohnt worden, doch war es bereits vor fünftausend Jahren besiedelt. Im sechsten Jahrhundert vor der Zeitenwende ließen sich aus dem babylonischen Exil heimkehrende Juden auf dem Gamla-Hügel nieder. Achtundsiebzig Jahre vor der Zeitenwende begründete der Hasmonäerkönig Alexander Jannai die Stadt wieder. Auf dem unwegsamen, strategisch wichtigen Hügel stieg der Ort mit einer Bevölkerung von mehreren Tausend Einwohnern – Schätzungen gehen von einer Stadtbevölkerung von rund fünftausend Menschen aus - zu einem der wichtigsten urbanen Zentren des Landes auf. Haupterwerbsquelle der Bewohner war die Herstellung von Olivenöl.
Im Jahre 66 nach der Zeitenwende brach in Israel der Große Aufstand aus - die jüdische Erhebung gegen die Römerherrschaft, an deren Ende die römischen Legionen den Zweiten Tempel in Jerusalem niederbrannten und das Land weitgehend in Schutt und Asche legten. Indessen geriet Gamla bereits vor der Eroberung Jerusalems in den Sog der Vernichtung. Kurze Zeit nach Ausbruch des bewaffneten Konflikts legten die römischen Truppen unter dem Oberbefehl des späteren Kaisers Vespasian einen Belagerungsring um die bei Beginn der Kämpfe zu einer Festung ausgebaute Stadt. Mit einer für damalige Zeiten seltenen Intensität belegten die Römer Gamla mit Dauerbeschuss aus Pfeilschuss- und aus Steinwurfmaschinen. Davon konnten sich die israelischen Archäologen neunzehnhundert Jahr später auf Grund ihrer Funde überzeugen.
Zu einem gewissen Zeitpunkt gelang den Legionären auch der Durchbruch der Mauern, doch wurden sie nach schweren und verlustreichen Kämpfen von den jüdischen Verteidigern wieder vertrieben. Diese schwere Demütigung vergaß Vespasian nicht: Als seinen Truppen die Einnahme Gamlas im Jahre 67 dann doch gelang, wurden die Waffen tragenden Verteidiger ebenso wie Zivilisten niedergemetzelt, stürzten auf der Flucht von den Klippen in den Tod oder begingen Selbstmord. Nur wenige kamen mit dem Leben davon. Anschließend wurde Gamla nicht erneut besiedelt, sein Standort geriet in Vergessenheit. Gerade deshalb bot die Stadt den Archäologen nach ihrer Wiederentdeckung unschätzbare Einsichten in das Leben der israelischen Juden zur Zeit des Zweiten Tempels. Bezeichnenderweise hatten die Bewohner in Gamla eine große Synagoge gebaut. Es handelt sich um eine der ältesten Synagogen der Welt, und zwar eine, die noch vor der Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums errichtet wurde.
Trotz solcher Errungenschaften in Friedenszeiten und des mutigen Kampfes im Krieg wurde im jüdischen Geschichtsbewusstsein nicht Gamla, sondern die am Toten Meer gelegene Festung Massada zum Symbol jüdischen Heldentums der Antike. In Massada
hatten die jüdischen Verteidiger den Freitod einer Gefangennahme durch die Römer vorgezogen, doch war Gamla der in militärischer Hinsicht weitaus wichtigere Kriegsschauplatz. Beide Orte wurden von dem Historiker Josef Ben-Mathitjahu, der nichtjüdischen Welt als Josephus Flavius bekannt, in seinem Werk „Der jüdische Krieg“ ausführlich geschildert. Dass Gamla heute weniger bekannt ist, liegt der Reihenfolge der archäologischen Funde. Während Massada bereits im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, blieb der Standort von Gamla unbekannt. Erst nach dem Sechstagekrieg, in dem die bis dahin auf syrischem Gebiet gelegenen Golan-Höhen von Israel eingenommen wurden, konnte die Suche nach dem historischen Gamla anlaufen. Im Jahre 1970 gelang es einem Team unter der Leitung des Archäologen Schmarjahu Guttmann, den Standort von Gamla im Süden des Golan-Hochplateus zu ermitteln. In den nachfolgenden Jahren wurden die Ruinen der Stadt ausgegraben, wobei sich Jesef Ben-Mathitjahus Bericht als erstaunlich präzise erwies. Kein Wunder: Bis zu seiner Gefangennahme durch die Römer war der zukünftige Geschichtsschreiber Militärkommandeur des Großen Aufstands in Galiläa und erlebte den späteren Kriegsverlauf an der Seite des römischen Oberkommandos.
Auch in Zukunft könnte Gamla zu einem Opfer der Geopolitik werden, und zwar falls Israel und Syrien über Frieden verhandeln. Nach Vorstellungen der Damaszener Führung muss Israel im Gegenzug für einen Friedensvertrag die gesamten 1967 eingenommenen Golanhöhen an Syrien zurückgeben. Angesichts der in der arabischen Welt dominanten Bestrebungen, jegliche jüdische Verbindung zum historischen Land Israel in Abrede zu stellen, fürchten viele Israelis, nach der Übergabe des Golan würde Syrien die Ruinen der alten Festung ohne Rücksichtnahme auf ihren historischen Wert zerstören oder überbauen. Noch ist es, wohlgemerkt, nicht soweit, doch ist es eine Ironie der Geschichte, dass Israel gerade für den Fall einer Friedensvereinbarung mit seinem nördlichen Nachbarn um eine der wichtigsten jüdischen Stätten der Antike bangen müsste.
wst