10. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2010 – 12. Aw 5770

Trauer und Hoffnung

Am 9. Aw befielen zahlreiche Tragödien das jüdische Volk, doch bleibt die Erwartung baldiger Erlösung auch an diesem Tag ungebrochen

Von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil

Der 9. Aw ist als ein Tag der Trauer in die jüdische Geschichte eingegangen. Die Ursprünge von Tisch’a be-Aw, wie der Tag auf Hebräisch heißt, liegen schon in der Tora. Damals hatte sich das jüdische Volk geweigert, in das Heilige Land einzuziehen. Grund dafür waren die Angst einflößenden Berichte von zehn der zwölf Spione, die das Kanaan erkundet hatten. Mit seiner Weigerung ignorierte das Volk Israel ein Versprechen G-ttes , das Land in seine Hand zu geben. Wegen dieses Vergehens erklärte G-tt, das Volk Israel hätte diesmal ohne Grund geweint, doch werde Er ihm in späteren Generationen an diesem Tag wirkliche Gründe zum Wehklagen geben. So wurde der 9. Aw zu einem Tag bestimmt, an dem das Unglück das jüdische Volk treffen würde.
Die Mischna nennt fünf weitere Ereignisse, die sich am 9. Aw zugetragen haben. So wurde dem Volk Israel in der Wüste angekündigt, dass seine Wanderung vierzig Jahre lang dauern würde. Der Erste Tempel und das Königreich Juda wurden am gleichen Datum von den Babyloniern unter König Nebuchadnezzar zerstört. Die Juden wurden gefangen genommen und nach Babylon verbannt. Damit begann das babylonische Exil. Auch der Zweite Tempel wurde am 9. Aw zerstört. Anschließend wurden die Juden durch die römische Macht in alle Welt zerstreut. Unter den Folgen dieses Exils leiden wir bis heute. Ein weiteres Ereignis, das mit dem 9. Aw zusammenhängt, ist die Niederschlagung des gegen Rom gerichteten Aufstands von Bar Kochba durch die römischen Besatzer und die Tötung Bar Kochbas. Schließlich fällt die Zerstörung Jerusalems ebenfalls an diesen Tag. Auch über die Auflistung der Mischna hinaus sind zu Tisch’a be-Aw zahlreiche unglückliche Ereignisse zu verzeichnen, darunter die Verkündung des ersten Kreuzzuges, der Tausende von Juden das Leben kostete und zur Auslöschung vieler jüdischer Gemeinden führte. Die Vertreibung der Juden aus England sowie aus Spanien gehört ebenfalls dazu.
Unsere Weisen schärften uns ein, uns jederzeit insbesondere an die Zerstörung der beiden Tempel zu erinnern. Daher gibt es einige Bräuche, die uns sogar bei freudigen Anlässen an die Zerstörung des Heiligtums erinnern sollen. So soll beim Streichen eines Wohnsitzes eine gegenüber dem Eingang liegende Stelle unbemalt bleiben, damit wir uns beim Betreten des Zuhauses erinnern, dass unser Leben unvollkommen bleibt, solange der Tempel nicht wiedererrichtet worden ist. Bei Hochzeiten gibt es den Brauch, als Gedenken an die Zerstörung des Tempels Asche auf den Kopf des Bräutigams zu streuen und am Ende der Hochzeitszeremonie ein Glas zu zerbrechen.
Dieser Tag soll aber auch der Anfang für unsere Erlösung werden. So sagen unsere Weisen, dass der Messias am 9. Aw geboren werden soll. Ein weiteres Zeichen könnte sein, dass der 9. Aw und der erste Tag von Pessach, der ebenfalls unsere Erlösung symbolisiert, auf den gleichen Wochentag fallen. Mit den anderen Worten wird unsere Erlösung aus derselben Wurzel wie unser Leid erwachsen. Diese Idee wird im Talmud, Traktat Makkot, deutlich. Nach der talmudischen Erzählung machten sich einige Weisen eines Tages auf den Weg nach Jerusalem. Als sie die Stelle erreichten, an der einst der Tempel gestanden hatte, sahen sie einen aus den Ruinen des Allerheiligsten heraus kriechenden Fuchs. Die Weisen brachen in Tränen aus, doch fing Rabbi Akiwa an zu lachen. Als sie ihn fragten, warum er lache, erwiderte er, seinerseits nicht verstehen zu können, warum die anderen weinten. Als Rabbi Akiwa den Fuchs sah, begriff er nämlich, dass sich damit die Weissagung des Propheten Uria erfüllte. Wenn dem aber so sei, würden sich gewiss auch die Worte des Propheten Secharja bewahrheiten, der unsere Erlösung weissagte. Darauf sprachen die Weisen: “Akiwa, du hast uns getröstet, Akiwa du hast uns getröstet“. Mögen auch wir in seinen Worten Trost finden und die baldige Erlösung erleben.