10. Jahrgang Nr. 6 / 25. Juni 2010 – 13. Tammus 5770

Worte der Bestärkung

Rabbiner Aharon Jehuda Lejb Steinman stattete die Berliner Jeschiwat Beit Zion einen Besuch ab

In der Jeschiwa herrscht Aufregung. Studenten stehen in kleinen Gruppen im Flur und unterhalten sich lebhaft auf Russisch und auf Deutsch, auf Englisch und auf Hebräisch. Das große Ereignis hängt förmlich in der Luft. Nur kleine Kinder schreien munter drauflos und werden von ihren Müttern zu Ruhe ermahnt. Im Lehrhaus, das der prominente Gast in wenigen Minuten betreten wird, versammeln sich immer mehr Menschen. Die über den Talmud-Folianten gebeugten Studenten studieren derweil unbeirrt weiter: Schließlich ist jede Minute des Tora-Studiums wichtig. Die meisten Lernenden sind nach Manier der litauischen Ultraorthodoxie gekleidet: Schwarzer Anzug, schwarzer Borsalino-Hut, keine langen Schläfenlocken. Einige jedoch halten es mit chassidischer Tradition und tragen zum langen Kaftan einen flachen, oben gerundeten Hut. Es sind aber auch einige junge Männer in helleren Stoffhosen und einer gehäkelten Kippa nach nationalreligiöser Art dabei. Sie alle haben sich in der Berliner Jeschiwat Beit Zion eingefunden, um einen aus der Ferne angereisten Besucher zu hören: Rabbiner Aharon Jehuda Lejb Steinman.
In der jüdischen Welt ist der Schriftgelehrte kein gewöhnlicher Rabbiner. Der fast Einhundertjährige, noch zur Zarenzeit im russischen Imperium geboren, hatte sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einen Ruf als Koryphäe erworben. Heute lebt der Rabbiner, von seinen Bewunderern „Maran“ genannt – zu Deutsch „unser Lehrer“ - in Bnei Brak. Neben Rabbiner Josef Schalom Eljaschiw ist er eine der Führungspersönlichkeiten der litauischen Ultraorthodoxie oder, wie es auf Jiddisch heißt, der „litwischen Welt“. Sein Besuch in Berlin ist Ausdruck seines Wunsches, die Erneuerung jüdischer Gelehrsamkeit in der Stadt zu würdigen und zu fördern.
Auf einmal erheben sich die Studenten und die Gäste von ihren Sitzen und stimmen einen begeisterten Gesang an. Von einem Gefolge begleitet, betritt Rabbiner Steinman das Lehrhaus und nimmt einen Ehrenplatz ein. Nach dem Mincha-Gebet betont Rabbiner Meir Roberg, geistiger Leiter der Lauder-Yeshurun-Einrichtungen – gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland sind diese Träger der Jeschiwa - die historische Bedeutung des Tora-Studiums in Berlin, in Berlin nach der Schoah.
Dann spricht Rabbiner Steinman zu den Anwesenden. Auch wenn an einer Stelle durchaus Kritik an der Haskala deutlich wird - der jüdischen Aufklärung, der die Orthodoxie einen verheerenden Einfluss auf die traditionelle jüdische Gelehrsamkeit in den letzten zweihundert Jahren zuschreibt – so ist es doch keine politische Rede, sondern „Diwrej Chisuk“, Worte der Bestärkung. Nicht zuletzt ermahnt er zu jüdischer Einheit. Als das damals fünf Millionen Personen zählende jüdische Volk am Berge Sinai die Tora empfangen habe, habe Einigkeit geherrscht – ein Muss, um der göttlichen Offenbarung würdig zu sein. Heute dagegen habe man es in jeder noch so kleinen Gemeinde mit zwanzig oder dreißig verschiedenen Meinungen zu tun.
Dass der Gast mit schwacher Stimme und in dem nicht für alle verständlichen Hebräisch spricht – später werden seine Worte auf Englisch zusammengefasst -, tut der Spannung, mit dem ihm zugehört wird, keinen Abbruch. Rabbiner Steinman, sagt anschließend Rabbiner Josh Spinner, Gründer von Lauder Yeshurun und designierter geschäftsführender Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation, sei ein Vorbild für jüdisches Engagement. So wie er die Reise nach Berlin nicht gescheut habe, müssten auch andere aus Fürsorge für andere Juden Beschwernisse und „einen weiten Weg“ auf sich nehmen. Dann ist der Besuch vorbei, doch gehen die Gäste mit einer Erinnerung heim, die noch lange nachhallen wird.
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