10. Jahrgang Nr. 6 / 25. Juni 2010 – 13. Tammus 5770

Gegen Entfremdung

Israel und die Diaspora müssen ihre Beziehungen neu ausrichten

Von Stephan J. Kramer

Im Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora – oder zumindest Teilen der Diaspora - ist es in letzter Zeit zu politischen Spannungen gekommen. Auf der einen Seite der Barrikade stehen jüdische Aktivisten, die Israels Regierung wegen eines ihrer Ansicht nach ungenügenden Einsatzes für den Frieden mit den Palästinensern sowie wegen ihrer Siedlungspolitik kritisieren und von den Regierungen ihrer jeweiligen Länder Druck auf Jerusalem erwarten. Dabei hat vor allem die amerikanische Organisation J Street Schlagzeilen gemacht. Vor kurzem machte auch die jüdisch-europäische Initiative JCall von sich reden, als sie ähnliche Forderungen erhob.
Auf der anderen Seite steht das Kabinett Benjamin Netanjahus, das aus seinem Unmut über die Kritik keinen Hehl macht, vor allem aber auch über de Aufforderung der Kritiker aufgebracht ist, Israel unter Druck zu setzen. Auch viele israelische Bürger, vor allem, aber nicht nur im rechten Teil des politischen Spektrums angesiedelt, glauben, dass die Diaspora-Aktivisten die Grenze zur Illoyalität überschritten haben. Dem halten die Angegriffenen entgegen, Kritik an der von ihnen vermuteten Friedensunwilligkeit der israelischen Regierung sei nicht anti-, sondern, ganz im Gegenteil proisraelisch. „Pro Israel, pro peace“ lautet die dazu geprägte Devise.
Solcher Bruderzwist steht natürlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses – in Israel wie in der Diaspora. Allerdings wäre man gut beraten, den Streit im richtigen Kontext zu sehen. Zum einen ist Netanjahus Ministerrunde nicht die erste israelische Regierung, die in der Diaspora auf Widerspruch stößt. Als frühere Kabinette einen nach Auffassung rechtsgerichteter Diasporajuden zu weichen Kurs gegenüber den Palästinensern fuhren, sahen sie ebenfalls sich harschen Angriffen gegenüber.
Zudem sind solche Streitigkeiten, obgleich sie durchaus Schäden anrichten, nicht die Hauptgefahr, die den Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora droht. Diese ist nämlich – und es wichtig, daran gerade in diesem Zusammenhang zu erinnern – nicht gegenseitige Kritik, sondern Entfremdung. Die aber greift immer mehr um sich. Gewiss: Auch heute sind sich Diaspora und Israel nicht zur Gänze gleichgültig. Ein großer Teil der Juden in der biblischen Heimat und außerhalb deren Grenzen hält noch immer an der Einheit des jüdischen Volkes fest. Allerdings ist auch, wie Umfrageergebnisse immer wieder beweisen, klar: Das Band wird schwächer.
Als typisch seien zwei in den letzten Jahren durchgeführte Umfragen genannt. Laut einer von ihnen sieht ein volles Drittel der israelischen Juden keinen gemeinsamen Nenner zur Diaspora. Umgekehrt ergab eine Umfrage in den Vereinigten Staaten, dass nur noch weniger als drei von zehn US-Juden eine tiefe emotionale Verbindung zu Israel empfinden. Die Beispiele ließen sich leider fast nach Belieben mehren. In kleineren Gemeinden der Diaspora mögen solche Tendenzen weniger stark ausgeprägt sein, doch bleiben auch sie in dem einen oder anderen Maße von dem Phänomen betroffen.
Durch die anbrechende Eiszeit können Juden in Israel wie in der Diaspora nur verlieren. Ohne enge Bindung an die Wiege des Judentums würden Diaspora-Gemeinden ein prägendes Element ihrer Identität aufgeben. Ohne Verbundenheit mit der Diaspora wiederum wird sich israelischen Juden die geistige Vielfalt des Judentums nicht in vollem Maß erschließen. An Versuchen, das Auseinanderdriften der beiden Gruppen zu verhindern, mangelt es nicht, doch fehlt bisher eine mit hoher Priorität ausgestattete Gesamtstrategie. Diese freilich erfordert eine schonungslose Diagnose und eine Anpassung an die heutigen Rahmenbedingungen.
Zunächst einmal muss Israel erkennen, dass das alte Beziehungsmuster einer Diaspora die unvergleichlich größer, vermögender und stärker war als der 1948 mit einer jüdischen Bevölkerung von gerade mal 600.000 Bürgern aus dem Existenzkampf heraus geborene Judenstaat, heute so nicht mehr gilt. Die Erwartung, die „reichen Brüder“ aus der Diaspora würden in die Bresche springen, wenn Israel die Mittel für überlebenswichtige Aufgaben – etwa die Eingliederung einer Masseneinwanderung oder den Aufbau einer modernen Gesellschaft – fehlen, ist nicht realistisch.
Im Mai dieses Jahres wurde Israel in die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD und damit in den „Reichenklub“ der Nationen aufgenommen und endgültig als ein hoch entwickelter Industriestaat anerkannt. Gleichzeitig steigen die Eigenbedürfnisse der an Überalterung und zu einem nicht geringen Teil auch an Armut leidenden Diasporagemeinden. Wenn jüdische Mäzene zwischen dem Kauf eines Krankenwagens für Israel oder einer Spende für das jüdische Altersheim in ihrer eigenen Stadt zu entscheiden haben, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sie die erste Möglichkeit wählen.
Der Generationswechsel stellt einen weiteren wichtigen Faktor dar. In den ersten Jahrzehnten der israelischen Staatlichkeit wurde das Verhältnis zwischen dem jüdischen Staat und der jüdischen Diaspora von Menschen getragen, die noch von der „alten Welt“ – dem osteuropäischen Judentum der Vorkriegsära – geprägt waren, sei es als Immigranten, sei es als Kinder von Immigranten. Die kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten machten ein instinktives Einvernehmen möglich, wie es die heutigen Nachfahren nicht ohne weiteres nachvollziehen können. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Umfragen eine bezeichnende Meinungsstratifizierung belegen: In der jüngeren Generation der Diasporajuden wird Israel weniger als Teil des eigenen Lebens aufgefasst, als es bei Senioren der Fall ist. In Israel geht das Interesse für die Diaspora mit abnehmendem Alter ebenfalls zurück. Das Wissen junger Israelis über die jüdische Welt ist zumeist ebenso bruchstückhaft wie das Interesse daran: Viele Israelis interessieren sich mehr für die amerikanische Basketballliga NBA als für das jüdische Lenen in den USA.
Die religiöse Komponente bietet ebenfalls keine ausreichende Brücke mehr. In ultraorthodoxen und orthodoxen Kreisen ist das Gefühl der Einheit von Glaube und Nation zwar noch immer stark ausgeprägt, doch gibt es inzwischen auch dort eine Aufweichung der gemeinsamen Identität. Unter nichtorthodoxen Juden ist die Entfremdung noch viel größer. Dazu trägt unter anderem die israelische Religionspolitik bei, die der Orthodoxie eine faktische Monopolstellung in der Gestaltung des religiösen Lebens gewährt. Egal, was israelische Minister bei Auftritten vor reformierten oder konservativen Juden in der Diaspora erklären, fühlen sich diese vom jüdischen Staat nicht als vollwertig anerkannt. Das stärkt nicht gerade ihre Motivation. Soviel steht unabhängig von allen anderen Fragen fest. Daher ist eine neue Konstellation dringend erforderlich, in der Israel und die Diaspora partnerschaftlicher miteinander umgehen. Dabei jedoch muss Israel - als Staat mit dem vollen Instrumentatrium exekutiver Mittel ausgestattet – die Rolle des Katalysators übernehmen. Das setzt indessen voraus, dass die politische Ebene die Beziehungen zur Diaspora neu aufstellen will.
Der jüdische Staat kann der Diaspora unersetzliche Hilfe bei der Stärkung ihres Erziehungswesens, ihres religiösen und geistigen Lebens sowie bei der Integration Israels in ihr Leben leisten. Das läge auch in Israels eigenem Interesse von Vorteil: Vor dem Hintergrund geistiger Partnerschaft würde das Verständnis für Israels Belange steigen. Auf israelischer Seite gibt es eine lange Reihe von Organisationen und Einrichtungen, die an einem derartigen Programm teilnehmen möchten. Heute schon sind viele von ihnen auf eigene Faust um Diaspora-Projekte bemüht, doch kann nur ein auf nationaler Ebene angelegtes Kooperationsprogramm das bestehende Potenzial angemessen nutzen. Israel-Besuchsprogramme sind ein weiteres Element, das bewusst eingesetzt werden muss. Auch hier muss kein Neuland betreten werden. Als ein gelungenes Beispiel sei das Taglit/Birthright-Israel-Programm genannt, das bereits mehr als 200.000 junge jüdische Erwachsene aus der Diaspora zu kurzen Besuchen nach Israel gebracht hat. Das ist ein Erfolg, doch ist die Palette bestehender Möglichkeiten damit noch lange nicht erschöpft.
Um durchschlagenden Erfolg zu haben, muss die Diaspora-Arbeit von Israel angemessen mitfinanziert werden. Die finanzielle Verantwortung größtenteils auf die Diaspora abzuwälzen, schränkt nicht nur den finanziellen Spielraum der Programme ein, sondern sendet auch ein negatives Signal an die Partner jenseits der Grenze aus: Auch in der Diaspora weiß man, dass Etatzuteilungen eine Frage der Prioritäten sind.
Indessen müsste auch die institutionelle Aufstellung verbessert werden. Heute sind innerhalb der israelischen Regierung gleich drei Ministerien für die Diaspora zuständig: Das Außenministerium, das neu geschaffene Diaspora- und Informationsministerium sowie das Ministerpräsidentenamt, dem die für Kontakte zu russischsprachigen Juden verantwortliche Dienststelle Nativ untersteht. Parallel dazu kämpft die Jewish Agency als Exekutivorgan der zionistischen Bewegung um eine Neuausrichtung und um eine finanzielle Absicherung ihrer Arbeit. Man muss kein Management-Consultant sein, um zu erkennen, dass in dem Kompetenzwirrwarr die Effizienz auf der Strecke bleibt.
Ein umfassendes Israel-Programm würde auch die Diaspora vor Herausforderungen stelle. Nationale wie globale Organisationen, aber auch einzelne Gemeinden müssten innerhalb ihres Wirkungskreises um Teilnehmer wie um Förderer werben, Informationsarbeit leisten und an der Durchführung der Maßnahmen partizipieren. Das wäre nicht leicht, doch dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sich eine große Zahl jüdischer Einrichtungen dazu bereit fände. Für die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik gilt das auf jeden Fall. Seinerseits ist der Zentralrat der Juden bereit, an Initiativen für eine neue Partnerschaft mitzuwirken. Ob es zu solchen Initiativen auch kommt? Bei dieser Frage ist man versucht, Theodor Herzl zu zitieren: Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland