10. Jahrgang Nr. 5 / 28. Mai 2010 – 15. Siwan 5770

Juden willkommen

Das argentinische Seebad Miramar ist ein Anziehungspunkt für jüdische Sommerfrischler

Es gibt Ferienorte, die bei jüdischen Urlaubsgästen besonders beliebt zu sein scheinen. In den USA setzen sich Juden für die Sommerfrische gern nach Miami Beach ab. In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die im Bundesstaat New York gelegenen Catskilll Mountains wegen ihrer Beliebtheit bei Juden als „jüdische Alpen“ bekannt. Nicht umsonst wurde in den Catskills die Handlung des berühmten amerikanischen Films „Dirty Dancing“ angesiedelt, in dem ein jüdisches Mädchen eine Romanze mit seinem nichtjüdischen Tanzlehrer eingeht. Auch in Deutschland haben sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert Kurorte entwickelt, die jüdische Klientel anzogen, wobei dies zumeist eine Negativwahl war: Jüdische Feriengäste konzentrierten sich auf Orte, in denen sie nicht oder nur in begrenztem Maße antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt waren. Bis heute hat sich Bad Kissingen einen Status als „typisch jüdischer“ Ferienort bewahrt.
Was Juden auf der nördlichen Halbkugel recht ist, soll auch ihren argentinischen Glaubensgenossen billig sein. In der südamerikanischen Republik, die mit rund 200.000 Menschen die sechsgrößte jüdische Gemeinde der Welt beherbergt, fällt die Rolle des jüdischen Urlaubszentrums dem Atlantikseebad Miramar zu. „Juden“, so Maria Eugenia Bove, Leiterin des örtlichen Fremdenverkehrsamtes, „sind bei uns mehr als nur Touristen. Sie sind Teil der Geschichte wie der Zukunft der Stadt. Sie sind unsere Ehrenbürger.“ Im Sommer tragen jüdische Gäste einen nicht unbedeutenden Teil der Tourismusumsätze bei, auf die die 25.000-Seelen-Gemeinde dringend angewiesen ist. In der Feriensiedlung Tiburon, so die Besitzer, erreicht der Anteil jüdischer Gäste im Februar – in Argentinien ein Höhepunkt der Sommersaison – 85 Prozent. Andere Hotels und Urlaubsanlagen melden Zahlen, die nicht viel niedriger sind.
Historisch gesehen, ist es eine Liebe auf den zweiten Blick. Bei der ersten Gruppe von Juden, die 1891 in die gerade drei Jahre zuvor gegründete Stadt erreichten, handelte es sich nicht um Touristen, sondern um jüdische Immigranten aus Europa. Indessen starben viele Kinder der Neuankömmlinge an einer von Vögeln übertragenen Krankheit, worauf die meisten Familien in andere Landeteile zogen. Den zweiten Anlauf auf Miramar unternahmen Juden, diesmal als längst etablierte Bürger, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Allerdings zog es sie nach Miramar nicht nur wegen dessen natürlicher Vorzüge, sondern – nicht anders als in der Alten Welt – auch weil Juden in Argentiniens größtem und bekanntestem Seebad, dem vierzig Kilometer nördlich gelegenen Mar del Plata, bei Urlaubern der höheren Stände nicht gern gesehen waren.
Miramar bietet Juden auch heute freundliche Aufnahme. In vielen Häusern wurden für die Sommerfrischler Mesusot an den Türpfosten angebracht. Ein Denkmal ehrt die Opfer des 1994 vom Iran befohlenen Bombenanschlags auf AMIA, das jüdische Gemeindezentrum von Buenos Aires. Restaurants bieten jüdisch angehauchte Speisen an. Im Jahre 1998 öffnete der erste koschere Lebensmittelladen der Stadt seine Pforten. Sie bereite, rühmt sich die nichtjüdische Chefköchin des Delikatessengeschäfts, Gladys Linares, die besten Knisches, Teigtaschen mit Kartoffelfüllung, in ganz Argentinien zu. Ein koscheres Grillrestaurant ist geplant.
Mit dem koscheren Angebot wurde Miramar auch für religiöse Juden attraktiver, so dass man im sommerlichen Stadtbild immer mehr Kippot erblickt. Orthodoxe Kunden werden mit einem Strandabschnitt mit einer Geschlechtertrennung gelockt Als einziges Seebad des Landes verfügt Miramar sogar über eine Sommersynagoge, Beit Yaakov. Im Winter bleibt das Gotteshaus mangels Masse zu. Miramar, urteilte jüngst die angesehene argentinische Tageszeitung La Nacion, ist heute ein Stern der argentinischen Küste. Vielleicht, meinte ein jüdischer Kommentator dazu, ein Davidstern.
JTA/zu