10. Jahrgang Nr. 5 / 28. Mai 2010 – 15. Siwan 5770

Familiär und freundlich

Die Jüdische Gemeinde im osthessischen Fulda bietet ihren Mitgliedern ein Zuhause

„Wir sind klein: rund 460 Mitglieder. Vielleicht leben wir in unserer Gemeinde gerade deswegen, als ob wir eine Familie wären“, - sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda, Roman Melamed, und fügt hinzu: „Auch von Gästen hören wir immer wieder, dass bei uns eine besonders familiäre, freundliche Atmosphäre herrscht.“
Der aus ostukrainischen Donezk stammende Jurist Melamed führt die Gemeinde seit drei Jahren. Seine Tätigkeit übt er ehrenamtlich aus. Da sich die Gemeinde ihren Rabbiner mit Kassel teilt und daher nicht an jedem Schabbat rabbinische Betreuung genießt, übernimmt Melamed drei Mal im Monat die Aufgaben des Vorbeters für die Schabbat-G’ttesdienste selbst. Zudem ist er als Religions- und Hebräischlehrer tätig. Noch vor seiner Auswanderung aus der GUS im Jahre 1998 hatte Melamed am Steinsaltz-Institut in Moskau Judentum studiert und konnte seine Hebräisch-Kenntnisse in Israel erweitern.
An Wochenenden, an denen Rabbiner Shlomo Freyshist aus dem eine Stunde entfernten Kassel nach Fulda kommt und die Schabbat-G-ttesdienste in Fulda turnusmäßig leitet, fährt Roman Melamed nach Michelstadt. Diese kleine Stadt in Südhessen ist durch den großen Kabbalisten, Toragelehrten und Heiler Seckel Löb Wormser, der in Michelstadt im 19. Jahrhundert lebte und wirkte, berühmt geworden. Es ist für Melamed etwas ganz Besonderes, an einem Ort, der von jüdischen Gläubigen aus der ganzen Welt aufgesucht wird, als Chasan G-ttesdienste zu leiten zu führen. Hier treffen seine Berufung und sein Beruf aufeinander: Als Mitarbeiter des Landesverbandes Hessen betreut Melamed nämlich die Gemeinden Marburg und Limburg sowie Michelstadt, eine Zweigstelle der jüdischen Gemeine Darmstadt.
Für den dreifachen Vater ist es ein besonderes Anliegen, nicht nur Erwachsene zu betreuen, sondern auch jüdische Bildung für die Kinder der Gemeinde zu fördern. Eine Sonntagsschule bietet Religions- und Hebräischunterricht, aber auch jüdische Musik und Kunst an. Allerdings können die Schüler auch ihre Englischkenntnisse auffrischen. Das Besondere dabei: Die Eltern bringen ihre Kinder nicht nur zum Unterricht und holen sie wieder ab, sondern sind eingeladen, bei einer Tasse Kaffee selbst zu lernen und zu diskutieren, während der Nachwuchs im Unterrichtsraum sitzt. Als Melameds Sohn David im letzten Sommer seine Bar Mitzwa feierte, gab es eine Grillparty für alle – die Kinder und die Erwachsenen der Gemeinde.
Die Gemeindemitglieder pflegen ein freundliches Miteinander nicht nur innerhalb ihrer eigenen Einrichtungen, sondern auch im Verhältnis zur nichtjüdischen Außenwelt. In der durch sein Bistum und durch jährliche Konferenzen der Deutschen Bischofskonferenz katholisch geprägten Fulda pflegt die Gemeinde gute Beziehungen zur katholischen ebenso wie zur evangelischen Kirche. Auch die Stadtverwaltung und zahlreiche Bürger werden in den Dialog mit der jüdischen gemeinde eingebunden.
Nach den Terroranschlägen vom 11 September 2001 veranstaltete die Gemeinde interkonfessionelle Friedensgebete. „Auch Vertreter der muslimischen Gemeinschaft kamen damals dazu“, - erzählt die stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde Bella Gussmann. Die Mathematikerin kam vor 15 Jahren aus Kiew nach Fulda. Heute widmet sie sich der Gemeindearbeit und fühlt sich sowohl in der Stadt Fulda und als auch in der Gemeinde zu Hause.
Im Jahre 1933 hatte die jüdische Gemeinde in Fulda knapp 1.200 Mitglieder gezählt. Viele konnten sich durch Flucht aus Deutschland retten. Wichtigste Zielländer der Emigranten waren die USA, Israel und Großbritannien. Andere wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Im September 1942 wurden die letzten bis dahin noch in Fulda verblieben Juden nach Theresienstadt deportiert. Heute handelt es sich bei der überwältigenden Mehrheit der Gemeindemitglieder um Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.

Irina Leytus