10. Jahrgang Nr. 5 / 28. Mai 2010 – 15. Siwan 5770

Nicht bei uns

Frauen im Rabbineramt setzen sich im orthodoxen Judentum nicht durch

In diesem Jahr machte die New Yorkerin Sara Hurwitz in der jüdischen Welt Schlagzeilen. Hurwitz, so die von jüdischen Medien sensationell aufgemachte Nachricht, sei vom amerikanischen Rabbiner Avi Weiss als Rabbinerin ordiniert worden – und zwar eine orthodoxe. Damit trat Weiss, selbst orthodoxer Rabbiner, eine hitzige Debatte los Während sein Vorstoß von einem relativ kleinen Teil orthodoxer Kommentatoren, vor allem aber von den nichtorthodoxen Strömungen des Judentums und von Feministinnen begrüßt wurde, lehnte das Gros des orthodoxen Establishments Hurwitz’ Ernennung zur Rabbinerin entschieden ab.
Dabei ging es nicht darum, dass der Kandidatin halachisches Wissen abzusprechen wäre: Sie hat unter Weiss’ Anleitung eine mehrjährige religiöse Ausbildung absolviert und ist seit geraumer Zeit als „Mitglied des rabbinischen Personals“ an der von Weiss gegründeten orthodoxen Synagoge Hebrew Institute of Riverdale im New Yorker Stadtteil Bronx tätig. Allerdings hat sie bis 2010 nicht den Titel „Rabbiner“ oder „Rabbinerin“ geführt, sondern musste sich mit der für orthodoxe Frauen geschaffenen Berufsbezeichnung „Maharat“ zufrieden geben. Das hebräische Akronym steht für Manhiga Hilchatit Ruchanit Toranit – zu Deutsch Anleiterin für Halacha, Geistigkeit und Tora“. Der neue Berufsstand umfasst eine verschwindend geringe Zahl von Frauen, die an modernorthodoxen Synagogen rabbinische Aufgaben wahrnehmen, ohne jedoch als Rabbinerinnen bezeichnet zu werden.
Diesen Drahtseilakt wollte Weiss beenden, doch scheint er die Reaktion seiner männlich-orthodoxen Berufskollegen unterschätzt zu haben. Die modernorthodoxe Rabbinervereinigung in den USA, Rabbinical Council of America, soll Weiss sogar mit dem Ausschluss gedroht haben. Die ultraorthodoxe Agudath Israel betonte, eine jüdische Gemeinde, in der eine Frau einen Rabbinerposten bekleide, könne nicht als orthodox gelten. Unter dem Anprall der Kritik gab Weiss die Ernennung weiterer orthodoxer Rabbinerinnen auf, auch wenn er Hurwitz ihren neuen Titel – jedenfalls vorerst - nicht aberkannte.
Indessen ist dies nicht die entscheidende Frage. Ohnehin ist Hurwitz nicht die erste Frau, die als orthodoxe Rabbinerin ordiniert wurde. In den letzten Jahren wurden einige andere ordiniert. Dass dies trotz der mehrheitlichen Ablehnung durch die Orthodoxie geschehen konnte, erklärt sich aus dem dezentralisierten Ernennungsprozess. Grundsätzlich kann ein einzelner Rabbiner einen anderen Juden zum Rabbiner ordinieren – oder, wörtlich, als Rabbiner „ermächtigen“. Genauso aber haben andere Rabbiner und Gemeinden das Recht, ein von ihnen als unzulässig verliehenes Rabbinerdiplom, die „Smicha“, nicht anzuerkennen. So betrachtet, ging das Scharmützel um Sara Hurwitz zugunsten der Traditionalisten aus. Seinen Abschluss fand der Streit Ende April bei einer Konferenz des Rabbinical Council of America. Dort wurde die Einberufung von Rabbinerinnen abgelehnt. Stattdessen, so der Beschluss, sollten Frauen „halachisch angemessene Berufsmöglichkeiten“ angeboten werden.
Letztendlich ist das nicht viel mehr als eine Bestätigung des Status quo ante, dringen doch orthodoxe Frauen, jetzt schon in Bereiche vor, die in früheren Zeiten Männern vorbehalten waren. Eine breite Palette von Einrichtungen ermöglicht Frauen ein umfassendes Studium des Judentums im orthodoxen Sinne. Ihr Wissen bringen die weiblichen Gelehrten in einer Vielfalt von Funktionen in die Gemeinden ein. Selbst in Israel, in dem das religiös-orthodoxe Establishment zu einer strengen Auslegung der Halacha neigt, sind Frauen immerhin als Anwältinnen bei Rabbinatsgerichten zugelassen und streiten fachkompetent mit ihren männlichen Kollegen über halachische Fragen - vor allem im Familienrecht, das nach israelischem Recht weitgehend in den Zuständigkeitsbereich der Rabbinatsrichter fällt.
Um die Ernennung von Frauen zu Rabbinern macht die Orthodoxie, von den wenigen genannten Ausnahmen abgesehen, jedoch noch immer einen weiten Bogen. Dies wird mit der traditionellen Verteilung der geschlechtsspezifischen Rollen im Judentum begründet. Eines der Argumente besagt, dass die Gewährung der Smicha auf Moses zurückgehe und nur an Männer weitergereicht werden könne. Nach zusätzlicher Auslegung können Frauen auch keine Positionen bekleiden, in denen sie als ein „Mara de-Atra“ – auf Aramäisch „Herr des Ortes“ - auftreten. Dazu gehöre eben auch das Amt des Gemeinderabbiners.
Dabei betonen orthodoxe Autoritäten, die Frau stehe im Judentum dem Mann nicht an Bedeutung nach, habe aber andere Aufgaben zu erfüllen. Mit ihrer Haltung unterscheidet sich die Orthodoxie von anderen Strömungen des Judentums, die heute Rabbinerinnen ordinieren – auch wenn dies in der Frühphase ihrer Entwicklung ebenfalls keine Selbstverständlichkeit war. Die erste moderne Rabbinerin war übrigens die 1902 in Berlin geborene und 1944 in Auschwitz ermordete Regina Jonas.
Der Rückschlag, den der Kampf um die Ordinierung orthodoxer Rabbinerinnen mit dem Streit um Sara Hurwitz erlitten hat, wird die Verfechter und Verfechterinnen dieser Idee jedoch kaum abschrecken. Sie hoffen, dass zumindest der liberale Flügel der modernen Orthodoxie das Verbot der Frauenordination letztendlich ablegen wird. Das allerdings könnte zu einem Bruch dieses Flügels mit der orthodoxen Hauptströmung und faktisch oder formal zur Entstehung einer neuen jüdischen Glaubensrichtung führen. Die Angst vor einer solchen Spaltung könnte die Entstehung des Berufsbildes „orthodoxe Rabbinerin“ verhindern oder zumindest auf längere Zeit verzögern.
wst