5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

Aufbruch aus der Sklaverei

RABBINER DR. JOEL BERGER beschreibt, warum Pessach bis heute eine so bedeutende Rolle im Judentum hat

Pessach, das Fest des ungesäuerten Brotes, ist die Geburtsstunde des jüdischen Volkes. Es ist eine ewigwährende Erinnerung an eine g-ttliche Heilstat, durch die am Ende aus einer Sklavenschar ein Volk geworden ist. Insbesondere drei Momente dieser Geschichte werden durch die Zeremonien des Festes besonders hervorgehoben:

- durch die zehnte Plage: den Tod der Erstgeborenen durch Unterdrücker und Sklavenhalter. Denn: Der Weg zur Freiheit konnte nur durch diesen grausamen Schlag ermöglicht werden. Der Tod - volkstümlich wird gerne über den „Todesengel“ gesprochen – vermied oder „übersprang“ die Häuser der Sklaven. Daher der hebräische Name Pessach. Die Erinnerung an diese Handlung G-ttes beherrscht die Festzeremonien des Vorabends und des ersten Tages.

- durch den hastigen Auszug aus Ägypten. Nach der erlittenen zehnten Plage drohte der Aufstand in Ägypten. Die Höflinge drängten den Pharao, die Israeliten ziehen zu lassen, bevor das Land zugrunde gehen würde. Daraufhin trieb Pharao sie in die Wüste. Und es blieb keine Zeit mehr, sich irgendwie darauf vorzubereiten. Ihre Wegzehrung, ihr Brotteig also, hatte keine Zeit, aufzugehen. So nahmen sie den Teig einfach mit. Durch die Hitze der Wüste wurde diese Masse zu einem Brot, zum Fladenbrot der Nomaden. Daher wird Pessach in der Liturgie auch Chag Hamazot , das Fest des ungesäuerten Brotes genannt.

- durch die Rettung am Schilfmeer am letzten Tag des Festes. Dieses Ereignis wird in der Liturgie genau beschrieben und lehrt uns bis heute, wie rasch die bereits bezwungenen Tyrannen in der Lage waren, sich zu erholen, um ihre gestrigen Sklaven aufs Neue knechten zu wollen. In der Schrift heißt es Mit einem riesigen Heer verfolgte der Pharao die Israeliten...Ross und Reiter versanken jedoch in den Fluten des Schilfmeeres...“

Die drei Elemente sind bei uns - den späteren Nachfahren, bei den von braunen und roten Diktaturen Befreiten - vereint und sie stellen für uns das wohl größte, grandioseste Erlebnis des Judeseins das. Daher lebte und lebt Pessach stets im Volksbewußtsein aller Juden.

Wann auch immer im untergegangenen Sowjetreich die Diktatur eine härtere Gangart einschaltete, erfolgte als erstes das Verbot für die Juden, ihre Mazzen, ihre Festbrote backen oder sogar importieren zu dürfen.

In einem tiefsinnigen Satz der Haggada, der Festlektüre lesen wir: Zu jeder Zeit, in jedem Geschlecht solle sich der Einzelne betrachten, als wäre er selbst aus Ägypten gezogen...Dieser Aufforderung gerecht zu werden, fällt gewiss den Juden, die aus der Knechtschaft der roten Pharaos befreit worden sind, überhaupt nicht schwer.