10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Je älter, desto weiser

Rabbiner Benjamin David Soussan hat auch mit siebzig noch viel zu tun

Der Rabbiner weiß noch genau, wie er nach Deutschland kam. Er reiste mit dem Zug. Als er sich der Grenze näherte, begann er vor Anspannung zu zittern. „Wenn der Schaffner auch nur eine Bemerkung darüber gemacht hätte, dass ich Jude bin, dann wäre ich wohl explodiert“, sagt Benjamin David Soussan. Doch der Schaffner blieb freundlich. Dennoch sollte es einige Zeit dauern, bis sich Soussan in Deutschland wirklich wohl fühlen sollte.
„Ich habe mich damals gefühlt wie Robinson Crusoe, wie auf einer Insel“, sagt Soussan über seine ersten Jahre in Deutschland. Damit meint er: Damals, in den sechziger Jahren gab es in seiner neuen Heimat Freiburg kaum jüdische Kultur. Die Gemeinde war winzig, viele Freiburger Juden hatten bereits ein stattliches Alter erreicht. Wöchentlich gab es nur einen G-ttesdienst; ein Chasan kam nur zweimal im Monat. „Meine Frau und ich wollten Deutschland eigentlich bald wieder verlassen, aber rein finanziell hatten wir nicht die Möglichkeit dazu“, erinnert sich Soussan. Also blieben die Eheleute in Deutschland und richteten es sich schließlich doch noch erfolgreich ein.
Zunächst arbeitete Soussan als Lehrer in Freiburg, eine Aufgabe, die er zuvor schon in London und Paris wahrgenommen hatte. Mehr und mehr engagierte er sich aber auch in der jüdischen Gemeinde. Anfang der achtziger Jahre wurde er Gemeindevorsitzender und schließlich auch Gemeinderabbiner. Besonders stolz ist der heute Siebzigjährige darauf, dass er den Bau der Freiburger Synagoge maßgeblich vorangetrieben hat. Gerne erinnert er sich daran zurück, wie viele Prominente zum Spatenstich kamen – aus der ganzen Welt waren sie damals nach Freibug gereist.
Nicht alle hielten das Bauprojekt für sinnvoll. Eine so große Synagoge, so das Argument, sei für die wenigen Freiburger Juden übertrieben. „Doch ich war mir sicher, wenn die Synagoge steht, werden die Leute kommen, wenn G-tt es will“, sagt Soussan. Kurz nachdem die Synagoge fertig wurde, kam die Wende und mit ihr zahlreiche Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion. Da war die Synagoge auch gut gefüllt. „Am Jom Kippur waren so viele Menschen da, dass wir zusätzlich Stühle holen mussten“, berichtet der Rabbiner.
Später arbeite Soussan nicht nur in Freiburg als Rabbiner. Zwischen 1995 und 2004 war er Landesrabbiner in Sachsen-Anhalt. Doch auch in dieser Zeit zog es ihn immer wieder nach Freiburg: „Freiburg ist einfach meine Gemeinde und sie bedeutet mir sehr viel.“ Zweimal im Monat hielt er weiter G-ttesdienst in der Stadt im Breisgau: „Ich wollte meine Verbindung zu Freiburg nicht abreißen lassen.“ Und so ging er 2004 auch nicht in Rente, sondern engagierte sich als Rabbiner weiterhin in seiner Wahl-Heimatstadt.
Mit seiner Tätigkeit hält sich Soussan an den Ratschlag eines guten Freundes, eines jüdischen Theologieprofessors. Dieser sagte zu ihm: „Solange das Herz eines Juden schlägt, ist er ein Gehender. Erst wenn er tot ist, ist er ein Stehender.“ Und Benjamin Soussan will noch viel bewegen: „Es gibt links und rechts reichlich zu tun. Ich versuche, mich überall nützlich zu machen“, sagt er. Mittlerweile er hat auch schon ein neues Projekt: Sein nächster Wunsch ist ein jüdisches Museum in Freiburg. Das Alter schade in seinem Beruf nicht – im Gegenteil. „Je älter ein Rabbiner wird, desto weiser ist er.“
Wenn er in einigen Jahren dann doch in Ruhestand geht, werden seine beiden Söhne sicherlich noch Rabbiner sein. Denn sie haben den Weg ihres Vaters eingeschlagen. Einer ist Geistlicher in der US-Armee und war einige Zeit sogar in Bagdad stationiert. Der andere, Julian Chaim, ist Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Dabei, scherzt Rabbiner Soussan, wäre es ihm eigentlich lieber gewesen, wenn die Söhne einen „bürgerlichen“ Beruf wie Arzt oder Anwalt gewählt hätten. „Als sie sich für die Rabbinerlaufbahn entschieden hatten, wollte ich eigentlich ein Veto einlegen“, sagt er. Und lacht, ganz der stolze Vater.
Frederic Spohr