10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Außerhalb der Egalität

Das Gleichheitsideal der Kibbutzim weicht immer mehr den Zwängen einer marktorientierten Wirtschaft

Ende März feierte Israel den hundertsten Gründungstag von Dgania Alef – des ersten Kibbutz,’ der von jüdischen Pionieren in der biblischen Heimat gegründet wurde. Seit ihrer Gründung haben die Kibbutzim nicht nur einen unschätzbaren Beitrag zu Israels Entwicklung geleistet, sondern fanden auch international Beachtung. Vielen Menschen rund um den Globus galt die auf ökonomischer und sozialer Gleichheit beruhende Agrarkommune als der Beweis, dass der Mensch seinen ökonomischen Egoismus überwinden und sein Eigentum mit Anderen zum Vorteil aller Beteiligten teilen kann. Mitunter wurde das Kibbutzmodell sogar als eine moderne Rückkehr zum Prinzip des Urkommunismus betrachtet – nach marxistischer Definition die der Klassenbildung vorangehende menschliche Zivilisationsform, in der sich alle Güter im Gemeineigentum befanden.
Indessen hielt die ursprüngliche Gleichheit der Kibbutzmitglieder nicht ewig. Auch wenn das Eigentum gemeinsam blieb, so bildeten sich in den Kollektivdörfern im Laufe der Zeit eine soziale Schichtung und eine betriebliche Hierarchie aus. Zum einen war dies die Folge einer zunehmenden Komplexität des Wirtschaftslebens im jüdischen Staat. Das weitgehend von Ackerbau und Viehzucht, Handwerk und einem nur rudimentären verarbeitenden Gewerbe geprägte jüdische Gemeinwesen im britischen Mandatsgebiet Palästina wandelte sich nach der Staatsgründung immer mehr zu einer modernen Industriewirtschaft. Daran partizipierten auch die Kibbutzim, doch forderte der ökonomische Erfolg eine zunehmende Stratifizierung der einstmals egalitären Gesellschaft. Auch in einem Kollektivbetrieb muss es neben Arbeitern Ingenieure, Verkaufsmanager und Direktoren geben. Anders als in einem Kuhstall lassen sich die hoch spezialisierten Aufgaben in der Industrie nicht im Rotationswege besetzen, sondern müssen von eigens dafür ausgebildeten Experten wahrgenommen werden.
Gleichzeitig heuerten die meisten Kibbutzim niedrig bezahlte Lohnarbeitskräfte für die einfacheren Arbeitsvorgänge an. An der Einkommensgleichheit der Mitglieder wurde zunächst festgehalten, doch verloren die Kibbutzbetriebe für die hoch qualifizierten Genossen dadurch an Attraktivität. Statt den durchschnittlichen Lebensstandard eines Kibbutzniks zu genießen, wanderten immer mehr gut ausgebildete Genossen in die Privatwirtschaft ab und kehrten dem Kollektiv den Rücken. Damit gerieten die Kibbutzim in eine tiefe ideologische wie soziale Krise. Zwar nahm die Zahl der Kibbutzmitglieder wegen des bestehenden Geburtenüberschusses in die achtziger Jahre hinein zu, doch ging ihr Bevölkerungsanteil auch dann bereits zurück. Waren in den sechziger Jahren noch vier Prozent aller Israelis Kibbutzniks, so sank dieser Wert in den achtziger Jahren auf drei Prozent und liegt heute bei nur noch 1,7 Prozent.
Unter diesen Umständen wurde eine Anpassung der sozialen Struktur an die Moderne für die einstmaligen Pioniersiedlungen überlebensnotwendig. Um die besseren Fachkräfte bei der Stange zu halten, boten ihnen die Kibbutzim vorerst noch etwas verschämt diverse Anreize, Prämien und Boni an. In den neunziger Jahren aber holte der Kapitalismus den Idealismus zunehmend ein: Immer mehr Kibbutzim gingen zu einer nach Rang, Bildung und Leistung differenzierten Lohnstruktur über. Zwar wurde das Modell euphemistisch als „der erneuerte Kibbutz“ bezeichnet, doch änderte das nichts an der fortschreitenden Abschaffung des Gleichheitsgrundsatzes. Bereits 2004 gehörte die Hälfte aller Kibbutzim dem „erneuerten“ Modell an. Nach einer kürzlich veröffentlichten Erhebung der Universität Haifa stieg dieser Anteil bis Ende 2009 auf 72 Prozent. Will heißen: Von den heute bestehenden 262 Kibbutzim haben bereits 188 eine arbeitsmarktübliche Lohnskala eingeführt, während nur noch 65 Kollektivdörfer an dem alten egalitären Modell festhalten. Weitere neun Siedlungen richten sich nach einem Mischsystem, bei dem sich die Entlohnung der Genossen aus einem einheitlichen Sockelbetrag und einem individuell bemessenen Zusatzlohn zusammensetzt.
Die künftige Entwicklung scheint vorgezeichnet zu sein: Nach einer Prognose von Dr. Schlomo Getz, Leiter des an der Haifaer Universität angesiedelten Instituts für Kibbutzforschung werden immer mehr Kibbutzim den Übergang zum „erneuerten“ Modell vollziehen. Selbst in den formal noch egalitären Kommunen werden zunehmend Differenziallohnelemente eingeführt, beispielsweise Boni für den Küchendienst oder für Arbeit am Schabbat. Zudem werden immer mehr Dienste, die vorher von der Gemeinschaft finanziert wurden, dem sie nachfragenden Genossen in Rechnung gestellt. So können die Mitglieder in der Hälfte aller israelischen Kibbutzim den Speisesaal nur gegen Bezahlung nutzen. Gleichzeitig stellen immer mehr Kibbutzim einen Teil ihrer Böden für den Bau so genannter Erweiterungsviertel zur Verfügung. Diese werden nicht von neuen Mitgliedern, sondern von Städtern bevölkert, die vor der urbanen Hektik flüchten wollen. Die neuen Mitbewohner können Leistungen des Kibbutz’ wie den Speisesaal oder die Zentralwäscherei gegen Bezahlung in Anspruch nehmen. Wenn der heutige Trend anhält, werden sich die Unterschiede zwischen Mitgliedern und Kunden nach und nach verwischen.
Am Ende dieser Entwicklung werden die meisten Kibbuzim als kleine Siedlungen weiterexistieren, deren Bewohner zwar noch ein gewisses soziales Netzwerk bilden, ökonomisch aber völlig unabhängig voneinander sind. Auf der anderen Seite aber wird ein kleiner Kern egalitärer Kibbutzim auf absehbare Zeit erhalten bleiben. Wie es scheint, stirbt der alte Gemeinschaftsgeist auch im 21. Jahrhundert nicht aus.
wst