10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Alarmzeichen

Rabbiner Joel Berger: Wahlerfolg der ungarischen Jobbik-Partei ist ein Grund zur Sorge

Rabbiner Dr. Joel Berger wurde im Jahre 1937 in Budapest geboren und wurde 1963 zum Rabbiner ordiniert. 1968 durfte er in den Westen ausreisen und war bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2002 in mehreren deutschen Städten - hauptsächlich in Stuttgart - sowie als Landesrabbiner von Württemberg tätig. Er ist auch heute im jüdischen Leben und im interreligiösen Dialog aktiv.

Herr Rabbiner Berger, bei der ungarischen Parlamentswahl hat die offen antisemitische und gegen Sinti und Roma hetzende Jobbik-Partei 16,7 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigt. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?
Jobbik ist eine rein faschistische Partei. Sie hasst die Juden, die Sinti und Roma, ist ausländerfeindlich, antiwestlich und antidemokratisch. Dass so viele ungarische Wähler ihr ihre Stimme gegeben haben, ist ein Alarmzeichen.
Nun gibt es die These, in Zeiten der Krisen und des Umbruchs würden sich viele Menschen extremistischen Parteien, zuwenden, weil sie auf einfache Lösungen komplexer Probleme hoffen, ohne jedoch ihre radikale Ideologie zu teilen. Ist jeder Wähler, der für Jobbik votierte, ein Antisemit?
Für Jobbik sind Antisemitismus und Fremdenhass kein losgelöster Zusatz, sondern ein integraler Teil ihrer Ideologie. Die Unterdrückung der Juden daheim und der Kampf gegen das „Weltjudentum“ gehört für sie zur „nationalen Erlösung“. Jobbik-Politiker behaupten, Beweise dafür zu haben, dass Israel Ungarn aufkaufen will. Die Partei leugnet den Holocaust. Als eine nichtchristliche Bevölkerungsgruppe sind Juden für sie keine gleichwertigen Bürger und somit „keine Magyaren“. In ihrem Wahlkampf hat Krisztina Morvay, gewählte Jobbik-Europaabgeordnete und Professorin der rechtwissenschaftlichen Fakultät an der Budapester Universität, ausdrücklich und mehrfach erklärt, Juden müssten begreifen, dass die Zeit „Ihrer Rasse“ und „Ihresgleichen“ in Ungarn vorbei sei. Wem Antisemitismus fremd ist, wird eine solche Partei niemals wählen.

Wir wird sich die Wahl auf die Lage der in Ungarn lebenden Juden auswirken?
Antisemitismus ist in Ungarn nicht neu. Die Frage ist, wie offen er zu Tage tritt. Im Jahre 1920, nur zwei Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit wurde er durch die Einführung eines numerus clausus für jüdische Studenten amtlich gemacht. Während des Holocaust haben ungarische Antisemiten Juden ungehemmt massakriert – weil sie es durften. Unter dem Kommunismus lebte der Antisemitismus fort, konnte aber nicht offen zur Schau getragen werden. Nach der Wende breitete er sich wieder unverhohlen aus. Inzwischen bleibt es nicht bei Worten. Juden werden auf der Straße überfallen. Am Sederabend bewarfen antisemitische Randalierer die Wohnung eines Rabbiners, in dem eine Sederfeier abgehalten wurde, mit Steinen und warfen die Fensterscheiben ein. Die herbeigerufene Polizei weigerte sich, einzuschreiten. Ich fürchte, dass der neue parlamentarische Status der Jobbik den Antisemitismus noch gewalttätiger und noch salonfähiger macht. Mit ihrer „Ungarischen Garde“ verfügt die Partei zudem über eine paramilitärische Formation, die auch Juden bedroht.

Freilich bleibt Jobbik in der Opposition.
Wenn die neue Regierung bei der Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme scheitert, wird Jobbik unter dem Mäntelchen parlamentarischer Respektabilität um enttäuschte Wähler werben. Jobbik-Vertreter behaupten, nicht nur für 17 Prozent, sondern in Wirklichkeit für ein Drittel der Ungarn zu sprechen. Ich fürchte, mit dieser Behauptung haben sie Recht. Daher kann die Partei durchaus weiter erstarken.

Wie sollen sich die Juden in Ungarn verhalten?
Für die Jüngeren wäre die Übersiedlung in andere Länder wohl die beste Lösung. Für die Älteren ist das nicht so einfach. In jedem Fall aber muss die jüdische Welt ihre Stimme erheben. Wir müssen vom ungarischen Staat verlangen, dass er die jüdische Minderheit gegen Übergriffe der Extremisten schützt.

Wird das unter den von Ihnen geschilderten Umständen helfen?
Wir müssen versuchen, die internationale Öffentlichkeit zu mobilisieren. Das kann sich als wirkungsvoll erweisen. Ein wichtiger Grundsatz des Judentums lautet: „Kol Israel arewim se le-se“ – alle Juden sind füreinander verantwortlich. Daher ist Schweigen angesichts einer unseren Brüdern drohenden Gefahr keine legitime Option.