10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Das Fundament

Zu Schawuot feiern wir die Verleihung der Tora – der Grundlage unseres Glaubens und unserer Zivilisation

Nach jüdischer Tradition hat unser Volk vor 3.322 Jahren zwei prägende Momente seiner Geschichte erlebt: Den Auszug aus Ägypten und die Verleihung der Tora am Berg Sinai. Zwischen diesen beiden Ereignissen lagen genau sieben Wochen; jedes von ihnen symbolisiert einen anderen Aspekt der jüdischen Nationswerdung. Durch den Exodus erhielten die Juden nach langer ägyptischer Sklaverei ihre Freiheit wieder; durch den Erhalt der Tora wurde ihnen das Fundament gegebenen, auf dem sie ihre Gemeinschaft aufbauen konnten.
Der zeitliche Abstand zwischen den beiden Vorgängen zeichnet übrigens eine Erfahrung nach, die wohl jeder gemacht hat, der ein Land der Verfolgung verlassen konnte: Nach den ersten Tagen und Wochen der Verwirrung, vielleicht auch der Angst, kommt er an einem Ort an, an dem das unmittelbare Gefühl der Bedrohung nachlässt, einem Emigrantenhotel, einem Auffanglager oder eben dem Berg Sinai, und fragt sich: Was nun? Wie werde ich, wie werden wir von nun an weiterleben und unsere Freiheit gestalten? Die jüdische Antwort auf diese Frage lautete: mit Hilfe der Tora.
Das Gesetz, nach dem das jüdische Volk sich seit Jahrtausenden richtet, ist geistiges Fundament, das in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen sucht. Imperien entstanden und verschwanden wieder im Dunkel der Geschichte, mächtige Nationen wurden aufgerieben, die Juden aber haben ein langes und kein leichtes Schicksal bewältigt und sind heute in der Lage, ein Fest zu feiern, dessen Ursprünge in die Bronzezeit reichen – kein geringer Erfolg.
Die Bedeutung des auf der Tora beruhenden Judentums geht aber weit über den Selbsterhalt eines kleinen Volkes hinaus. Zum einen wurden Prinzipen des jüdischen Glaubens von anderen Religionen übernommen, und wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner der menschlichen Moral gibt, so sind es wohl die Zehn Gebote, nach biblischer Überlieferung auf dem Berg Sinai in Stein gehauen. Die Klarheit, mit der sie das menschliche Miteinander regeln und es im Glauben verankern, lässt auch heute nichts zu wünschen übrig.
Zum anderen aber band die Tora die Juden zu einem Volk zusammen, dessen innerer Halt bewundernswert stark war, das zugleich aber für die Aufnahme neuer Mitglieder offen war. Nach biblischer Erzählung schloss sich kein Anderer als Moses’ Schwiegervater und Hohepriester von Midian, Jethro, durch einen Glaubensakt dem jüdischen Kollektiv an. Die Moabiterin Ruth wiederum beschloss, dem Glauben an den Einen Gott treu zu bleiben. Ihre an Naomi, ihre Schwiegermutter, gerichteten Worte bleibend bis heute bewegend: „Wo du hingehst, gehe ich hin, wo du lebst, lebe ich, dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“. In Ruths Worten finden wir den Grundsatz der Solidarität und des Zusammenhalts sowie das Bekenntnis zum jüdischen Volk, zum Gottesglauben und damit zu den Werten jüdischer Zivilisation. Auch heute gilt: Wenngleich das Judentum keine missionierende Religion ist, so verschließt es den ehrlich Beitrittswilligen, die sich die von Ruth postulierten Prinzipien zu Eigen machen. nicht die Tür.
Damit ist im jüdischen Kollektiv das ethnische Element sekundär, gemeinsame Werte dagegen das Primäre. Die Tora hat sich länger als jede moderne Verfassung bewährt. Und wenn der Verfassungspatriotismus heute vielen als das beste künftige Fundament eines multiethnischen Europa gilt, so lehrt die jüdische Erfahrung: Verfassungspatriotismus ist möglich, allerdings nur dann, wenn die Ideale und die Gesetze, also der Geist wie der Buchstabe der Verfassung, von den Bürgern nicht nur als eine äußere Schale hingenommen, sondern als der innere Kern ihrer Gesellschaftsordnung akzeptiert werden. Das ist eine Erkenntnis, die Schawuot nicht nur für Juden relevant macht.
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