10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Holocaust-Aufklärung

Der katholische Holocaustforscher Patrick Desbois hat die Verantwortlichen in Europa zu verstärkter Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Osteuropa aufgerufen. Die Vernichtung von Juden sowie Sinti und Roma in der Ukraine, Weißrussland und Russland müsse untersucht werden, solange es noch Augenzeuge dafür gebe, sagte der französische katholische Geistliche Desbois im Europaparlament. Bereits in wenigen Jahren werde es diese nicht mehr geben. Europa könne aber nur dann glaubwürdig gegen Völkermorde in der Gegenwart auftreten, wenn es sich seiner eigenen Geschichte stelle.
Desbois sagte, an vielen Orten von Massenvernichtungen in der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern gebe es weiter keine Gedenkstätten. Für ermordete Sinti und Roma hätten er und seine Stiftung «Yahad - In Unum» 30 Stätten von Massenerschießungen entdeckt. An keiner einzigen davon gebe es einen Hinweis auf die während des Zweiten Weltkriegs verübten Verbrechen. Desbois bezifferte die Zahl der in der Ukraine durch Erschießungskommandos getöteten Juden, Sinti und Roma auf 1,5 bis 1,8 Millionen. Für Weißrussland müsse die Zahl der Opfer auf 500.000 geschätzt werden.
Wie hoch die Zahl in Russland liege, lasse sich derzeit noch nicht sagen.
Seit 2002 bereist Desbois mit einem Expertenteam die Ukraine, führt Interviews mit Zeitzeugen und hat bereits mehr als 1.000 Massengräber identifiziert. Die von ihm gegründete Stiftung «Yahad - In Unum» will künftig verstärkt auch in Russland nach Spuren der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik suchen.
KNA