10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Unsere Pflicht

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hilft bei der Registrierung jüdischer Kämpfer des Zweiten Weltkrieges

Von Stephan J. Kramer

In einer Woche jährt sich zum 65. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Für sechs Millionen Juden kam der Sieg der alliierten Mächte über Nazideutschland zu spät: Sie waren dem bestialischen Ansinnen des nationalsozialistischen Regimes, das jüdische Volk auszulöschen, zum Opfer gefallen. Die wenigen Überlebenden blieben und bleiben für den Rest ihres Lebens vom Grauen der Verfolgung durch das „Dritte Reich“ gezeichnet. Indessen waren Juden bei Kriegsende nicht nur Befreite, sondern auch Befreier. Anderthalb Millionen Angehörige unseres Volkes hatten in den Reihen alliierter Streitkräfte gedient und damit, an der Größe der jüdischen Bevölkerung gemessen, einen überproportional großen Beitrag zur Bezwingung der Nazibarbarei geleistet; eine Viertelmillion von ihnen - zu achtzig Prozent Angehörige der Roten Armee - waren im Kampf gefallen.
Leider blieb die Rolle der Juden bei der Bezwingung der Nationalsozialismus lange Jahre nur ungenügend dokumentiert. Zum Teil waren dafür Umstände wie der Antisemitismus kommunistischer Regime im ehemaligen Ostblock verantwortlich: Ihnen passten jüdische Helden nicht ins Konzept. In westlichen Demokratien wiederum mag die Hervorhebung der militärischen Leistung einzelner Bevölkerungsgruppen als nicht politisch korrekt gegolten haben. Zumindest ein Teil der nur unvollständigen Anerkennung des jüdischen Kampfbeitrags ging aber auf das Konto der jüdischen Welt – Diaspora wie Israel – zurück. Rückblickend müssen wir den Mut zum Eingeständnis haben, dass dieses wichtige Kapitel unserer Geschichte nicht angemessenen gewürdigt worden ist.
Umso wichtiger ist ein jetzt von dem im Aufbau befindlichen israelischen Museum für den jüdischen Kämpfer des Zweiten Weltkrieges unternommener Versuch, dieses Manko auszugleichen. Unter anderem hat sich der Trägerverein des Museums (s.a. ZUKUNFT 10/2009) das Ziel gesetzt, eine möglichst große Zahl jüdischer Soldaten und Partisanen der Jahre 1939 bis 1945 namentlich zu erfassen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat beschlossen, hierbei zu helfen und ruft alle in Deutschland lebenden jüdischen Veteranen des Zweiten Weltkrieges auf, dem Museum Angaben zu ihrer Person und zu ihrem Militärdienst zukommen zu lassen.
Gemeindemitglieder und alle Personen, die als Verwandte oder Freunde Informationen über gefallene, nach Kriegsende verstorbene oder noch lebende jüdische Weltkriegssoldaten besitzen, werden ebenfalls gebeten, alle ihnen bekannten Angaben direkt oder über den Zentralrat an das Museum zu übermitteln. Dieser Aufruf wurde vom Zentralrat auch allen jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik mit der Bitte um Weiterleitung an ihre Mitglieder übermittelt. Um die Datenerfassung zu erleichtern, wurden dem Schreiben die erforderlichen Registrierungsvordrucke beigelegt.
Angesichts der demographischen Struktur unserer Gemeinden ist naturgemäß zu erwarten, dass es sich bei den Angaben in den meisten Fällen um Veteranen der Roten Armee handeln wird. Indessen gilt der Aufruf allen Kämpfern, in welcher Uniform oder in welcher Partisaneneinheit sie auch immer gedient haben und wo auch immer sie leben oder nach dem Krieg zu Hause waren.
Mit der Eintragung in die Datensammlung soll jedem einzelnen Kämpfer persönliche Ehrung zuteil werden, doch hat das Projekt auch eine übergeordnete historische Bedeutung. Je ausführlicher die Information, umso deutlicher wird auch der jüdische Beitrag zur Befreiung Europas gemacht. Wir sollten uns nicht täuschen: Die Mär von dem Juden, der sich in der Etappe vor der Gefahr drückt, gehört heute noch in vielen Ländern zum Kanon des Judenhasses. Auch dieser Verleumdung gilt es entgegenzutreten. In jedem Fall ist die Ehrung der jüdischen Kämpfer nicht nur unser Recht, sondern auch unsere Pflicht. Wir sollten auf sie stolz sein und sollten das auch sagen.
Auch über das Erfassungsprojekt hinaus ist die Arbeit des Museumsvereins hoch zu schätzen und sollte nach Möglichkeit gefördert werden – auch in der Bundesrepublik Deshalb hat der Verfasser dieser Zeilen die Gründung eines Freundeskreises des Museums in Deutschland angeregt. Wenn das Vorhaben plangemäß voranschreitet, sind greifbare Ergebnisse hoffentlich nicht mehr weit.

Kontaktanschrift des Museums:
Museum of the Jewish Soldier in World War II. POB 2451, Kiryat Ono 55122
E-Mail: veteran@jwmww2.com,
Internet: www.jwmww2.org.