10. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2010 - 16. Ijar 5770

Falsches Bild

Unangebrachte Vergleiche mit der NS-Zeit entehren die Opfer und schaden der Demokratie

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 4
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 4
Von Stephan J. Kramer

Anfang dieses Monats sorgte Raniero Cantalamessa, der offizielle Prediger von Papst Benedikt XVI., für einen Eklat. In seiner Karfreitagshomilie verglich der Geistliche die Kritik, der sich die katholische Kirche wegen ihres weich zeichnenden Umgangs mit Fällen von Kindermissbrauch gegenübersieht, mit „beschämenderen Aspekten“ des Antisemitismus. Nach dem Sturm der Entrüstung, den seine Worte auslösten, beteuerte Cantalamessa: „Wenn ich entgegen meiner Absicht Juden oder Pädophilieopfer gekränkt habe, bedauere ich das und entschuldige mich.“ Eine Rücknahme des Vergleichs ist das, wohlgemerkt, nicht.
Um der Kritik an seiner These vorzubeugen, Kirchenkritik sei wie ein „beschämenderer Aspekt“ des Antisemitismus zu behandeln, hatte der päpstliche Prediger aus dem Brief eines jüdischen Freundes zitiert. Ein alter Trick: Bei der in der jüdischen Welt herrschenden Meinungsvielfalt lässt sich fast jede gewünschte Aussage durch die Berufung auf einen Juden belegen, auch wenn dessen Stellungnahme für die jüdische Welt völlig unrepräsentativ ist. Zudem fällt es schwer, die Gleichsetzung mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu überhören: Welcher „Aspekt“ des Antisemitismus könnte denn noch beschämender als die „Endlösung“ sein? Dass die Wortwahl zufällig war, darf man bei einem Intellektuellen von Range des Doktors der Theologie und Geschichtsprofessors Cantalamessa ausschließen. Zumal in einer im Beisein des Papstes gehaltenen Predigt wird kein einziges Komma dem Zufall überlassen worden sein.
Die Affäre ist Teil einer zu beobachtenden Tendenz, die Judenverfolgung im „Dritten Reich“ durch abstruse Vergleiche zu verharmlosen. Obgleich Cantalamessa kein Deutscher ist, ist diese Unsitte auch und gerade in deutschen Breitengraden verbreitet. Vor kurzem zieh der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller die Medien einer antikirchlichen Kampagne und verglich die dagegen gerichteten Proteste der Kirche mit dem Kampf gegen die heidnische NS-Ideologie.
Die Beispiele ließen sich mehren. Vor anderthalb Jahren setzte der Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, die öffentliche Kritik an deutschen Managern mit der Sündenbockrolle gleich, in die Juden nach dem Ausbruch der großen Weltwirtschaftskrise vor acht Jahrzehnten gedrängt wurden - eine Hetzkampagne, die damals von den Nazis maßgeblich mitgeprägt worden war. Wörtlich erklärte Sinn: „In der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ Wenige Tage später verglich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die Kritik an Managergehältern mit einer Pogromstimmung.
Der Absurdität der Vergleiche sind anscheinend keine Grenzen gesetzt. Vor einigen Jahren wollte die Tierschutzorganisation Peta unter dem Slogan „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gegen Bedingungen der Massentierhaltung protestieren – und zwar durch eine Gegenüberstellung von Bildern lebender und toter KZ-Häftlinge auf der einen und Aufnahmen der Tierhaltung auf der anderen Seite. Nach einem Rechtsstreit wurde diese Werbung vor Jahresfrist durch das Bundesverfassungsgericht untersagt.
Da muss man sich fragen: Was mag bloß in den Köpfen von Menschen vorgehen, die den Holocaust als Werbemittel für ihre politische oder gesellschaftliche Überzeugung einsetzen? Mag sein, dass die Bagatellisierung der NS-Herrschaft bewusst oder unbewusst der Verdrängung von Schuldgefühlen dient. Wenn das „Dritte Reich“ nur halb so schlimm war, dann war es auch halb so schlimm, ihm erlegen zu sein oder sich ihm, wie im Fall der Kirche, nicht oder bestenfalls in unzureichendem Maße widersetzt zu haben. Da die sachliche Unrichtigkeit der Vergleiche für jedermann offenkundig ist, liegt die Vermutung nahe, dass hier ein verborgener Verdrängungsmechanismus in Aktion tritt.
Wie auch immer: Unangebrachte Gleichsetzungen müssen verurteilt werden Wer das NS-Regime durch falsche Vergleiche verharmlost, entehrt nicht nur die Opfer der Schoa, sondern schadet auch der Demokratie, und zwar hier und heute. Es muss klargestellt werden: Ein Manager, dessen Bezüge wegen Versagens auf nur noch eine Million Euro im Jahr gekürzt wurden, ist kein jüdischer Kaufmann, dessen Geschäft zwangsarisiert wurde, Kritik durch die Medien ist kein Befehl zur Einweisung in ein Ghetto. Das sollten Politiker und andere Multiplikatoren bedenken, bevor sie den Holocaust für ihre kleinen Alltagsstreitigkeiten banalisieren. Oder, auf gut Deutsch: Lasst die Kirche im Dorf!

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland