5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

Vergessene Expressionisten wieder entdeckt

„Zentrum für verfemte Künste“ wurde Wirklichkeit im Solinger Kunstmuseum

Von Maria Heer


Da steht „Der Sieger“ auf grausiger Brache, ein stolzer Knochenmann im SS-Mantel. Die unheimliche Prophetie, 1939 gemalt von Georg Netzbrand in Berlin, ist eins von vielen Highlights der Sammlung Gerhard Schneider, die ein ständiges Domizil im Kunstmuseum der Stadt Solingen gefunden hat. Netzbrand (1900-1984) gehört zu einer Generation expressionistischer Künstler, deren Entwicklung im NS-Staat brutal abgeschnitten wurde. Jüdische Maler wurden doppelt verfolgt – als Juden und als Avantgardisten. Wer überlebte, konnte in den meisten Fällen nach der Befreiung im Kunstbetrieb nicht wieder Fuß fassen.

1500 Werke dieser völlig zu Unrecht vergessenen Generation hat der Kunst-Antiquar Schneider aus Olpe/Sauerland zusammengetragen. Per Zufall stieß er auf Arbeiten ihm unbekannter, aber qualitätvoller Künstler und nahm die Fährte auf. Dank einer Bürgerstiftung in Solingen, die den engagierten Museumsdirektor Rolf Jessewitsch hochherzig unterstützt, konnte das Haus bisher 500 Gemälde, Grafiken und Skulpturen der Schneider-Sammlung übernehmen. Rund 160 davon sind in den hohen, lichten Räumen des einstigen Rathauses der Stadt Gräfrath ausgestellt – eine Schau, die abwechselnd begeistert und Schrecken auslöst – wie z.B. der „KZ“-Zyklus von Leo Haas (1901-1983), der in vier Lagern inhaftiert war. Aber jedes dieser einst illegalen Werke zieht den Betrachter in seinen Bann.

Namenlosen ihr Leben, ihre Geltung zurückzugeben - Das ist auch Ziel der Wanderausstellung „Liebes- und Musengeschichten“ zur Exilliteratur, die 1999 erstmals im Solinger Kunstmuseum gezeigt wurde.

Drittes Element der „Fördergesellschaft Zentrum für verfemte Künste e.V.“, die aus der Bürgerstiftung hervorgegangen ist, bildet das „exil-archiv.de“ der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal. Die virtuelle Sammlung umfasst bereits über 500 Biographien und Werkverzeichnisse verfolgter Autoren und Musiker. In Solingen hat das dreifache Projekt jetzt ein festes Domizil bekommen. Nun muss es sich seine eigene Zukunft erobern - weltweit warten noch zahllose vergessene Künstler und Intellektuelle auf ihreWiederentdeckung.