10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Ferne Brüder

Israels ultraorthodoxe Juden ziehen sich zunehmend in ihre eigenen Wohnorte zurück

Dass alle Juden Brüder sind, würde in Israel kaum jemand bestreiten. Indessen bedeutet das noch lange nicht, dass alle Brüder zusammen wohnen müssen – zumindest nicht, wenn es um Säkulare und Orthodoxe geht. Umfragen brachten nämlich ans Tageslicht, dass jeder zweite israelische Jude glaubt, der Lebensstil der Laizisten auf der einen und der Strenggläubigen auf der anderen Seite verlange, dass beide Gruppen in getrennten Wohnvierteln, wenn nicht sogar in getrennten Städten untergebracht werden. Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht um eine einseitige Ausgrenzung der Gottesgläubigen durch die Gottlosen. Unter den Ultraorthodoxen ist der Anteil derjenigen, die unter sich bleiben möchten, überdurchschnittlich hoch: Sie fürchten, eine säkulare Umgebung könnte zumal ihre Jugend zu Kompromissen und zum Abrücken von den strengen Glaubens- und Moralregeln der Eltern bewegen.
Der Wunsch nach getrennten Lebenswelten setzt sich auch in der Praxis immer mehr durch. Jetzt schon leben die meisten Ultraorthodoxen weitgehend unter sich, etwa in den ausschließlich oder fast ausschließlich von ihnen bevölkerten Stadtteilen Jerusalems oder in der zu neunzig Prozent ultraorthodoxen Stadt Bnei-Brak bei Tel-Aviv. Zudem haben Ultraorthodoxe zwei nur Gesinnungsgenossen bestimmte Städte im Westjordanland gegründet: Beitar Illit mit heute 45.000 und Modiin Illit mit rund 40.000 Einwohnern. Damit leben in den vier strenggläubigen Hochburgen Jerusalem, Bne Brak, Beitar Illit und Modiin Illit rund 400.000 Ultraorthodoxe beziehungsweise rund zwei Drittel der auf 600.000 Personen geschätzten Gesamtzahl ultraorthodoxer Israelis – ein nach allen Maßstäben hoher Anteil.
Allerdings braucht die schnell wachsende ultraorthodoxe Bevölkerung mit im Durchschnitt sechseinhalb Kindern pro Familie ständig neuen Wohnraum. Daher greift der Trend zu exklusiv ultraorthodoxen Städten von relativ zentral gelegenen Standorten auf die Peripherie über. Im Februar hat das Innenministerium die Errichtung einer weiteren ultraorthodoxen Stadt, Kassif, im Negev genehmigt. Die Stadtplanung richtet sich nach den Bedürfnissen ultraorthodoxer Bürger und sieht große Wohneinheiten sowie ausreichend Raum für religiöse Einrichtungen wie Synagogen, Jeschiwot oder Mikwes vor. Im ersten Baustadium sollen innerhalb von vier Jahren 10.000 Wohnungen für rund 50.000 Bewohner entstehen. Allerdings ist das erst der Anfang: In der Leere der Wüste lässt sich Kassif künftig leicht vergrößern. Im nordisraelischen Iron-Tal wiederum ist der Ausbau der kleinen Ortschaft Charisch zu einer für 150.000 ultraorthodoxe Bewohner gedachten Stadt anvisiert.
Die beiden Projekte entbehren nicht einer gewissen historischen Ironie, übernehmen hier doch Ultraorthodoxe – eine Bevölkerungsgruppe, die dem Zionismus als einem unzulässigen menschlichen Eingriff in Gottes Pläne skeptisch bis ablehnend gegenübersteht – mit dem Umzug in entlegene Landesteile eine Rolle, die die Staatsgründer eigentlich zionistischen Pionieren zugedacht hatten. Auf der anderen Seite aber muss der Staat Rahmenbedingungen schaffen, die allen Bürgern, auch den Ultraorthodoxen, den Erwerb angemessener Wohnfläche ermöglichen. Zudem versprechen rein ultraorthodoxe Städte, den Beschäftigungsgrad unter den streng Frommen zu steigern – auch dies von der Regierung gewünscht –, etwa indem sie die Schaffung von nach Geschlechtern getrennten Arbeitsstätten nicht als lästige Pflicht, sondern als eine Selbstverständlichkeit betrachten.
Gewiss – den Umgang mit Andersdenkenden lernt man kaum, wenn man nur mit Gleichgesinnten Umgang pflegt. Daher kann man durchaus die These vertreten, dass separates Wohnen staatsbürgerliche Nachteile mit sich bringt. Die große Frage lautet, inwieweit der Staat einen freiwilligen und von der Bevölkerungsmehrheit zumindest nicht abgelehnten Rückzug ultraorthodoxer Bürger auf ein ihnen genehmes Terrain verhindern soll. Darüber kann lange diskutiert werden, an den Tatsachen vor Ort jedoch werden staatsphilosophische Debatten wahrscheinlich nicht viel ändern.
wst