10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Kneidlach, Karpfen & Co.

Das Pessachfest eint alle Juden – an der Speisekarte scheiden sich aber die Geister

Das Pessachfest eint die Juden in der ganzen Welt auf dreifache Weise. Zum einen erinnert das Übergangsfest an unsere Nationswerdung. Zum anderen fordert die biblische Geschichte von jedem Einzelnen, sich selbst so zu sehen, als wäre er persönlich aus der Knechtschaft befreit worden. Damit werden wir in die Kette der Generationen eingebunden Schließlich ist Pessach mit dem Sederabend ein Fest, das den Einzelnen auf besondere Weise in die Gemeinschaft – Familie, Freundeskreis oder Gemeinde – integriert.
Etwas weniger Einigkeit herrscht bei den für das Fest des Auszugs aus Ägypten typischen Gaumenfreuden. Durch das absolute Verbot, Gesäuertes zu genießen (oder auch nur zu besitzen), mussten jüdische Haushalte im Laufe der Jahrhunderte besondere, pessachgerechte Delikatessen entwickeln. Dabei, so Dr. Jeffrey Woolf, Dozent der Talmud-Abteilung an der israelischen Bar-Ilan-Universität, hatten verschiedene jüdische Gemeinschaften in der Diaspora reichlich Zeit, ihre Speisekarte an die Gegebenheiten ihrer Umwelt anzupassen und unterschiedliche Bräuche zu entwickeln.
Die Unterschiede beginnen bereits am Sedertisch. So sehen aschkenasische Juden von Lammfleisch ab, war doch das Lamm das Opfertier in dem heute nicht mehr bestehenden Tempel. Statt Lamm verwenden Aschkenasen lieber Hähnchenflügel als Symbol des antiken Pessachopfers. Dagegen hat sich der Brauch des Lammfleischgenusses in vielen sefardischen Gemeinden gehalten. Seder-Zutaten wie Charosset, Symbol für den Lehm des Pyramidenbaus, fallen auch ohne theologische Differenzen bei verschiedenen Herkunftsgruppen unterschiedlich aus. Während Aschkenasen ihre Charosset lieber aus Äpfeln, Nüssen und Mandeln zubereiten, setzen Sefarden eher auf Früchte ihrer alten Wohnländer: Feigen, Datteln und Rosinen.
Nach dem Brauch aschkenasischer Juden fallen Hülsenfrüchte, die zwar nicht wie Weizen, Hafer, Roggen, Gerste und Dinkel Chametz sind, diesem aber ihrer Beschaffenheit nach ähneln, unter das Verbot des Gesäuerten. Auch Reis ist untersagt. Dagegen haben die meisten sefardischen Gemeinden diesen Brauch nicht übernommen. Allerdings, erklärt Woolf, gibt es keine einheitliche Praxis aller sefardischen Juden. Ein Teil der marokkanischen Juden hält es mit dem Verbot von Hülsenfrüchten, während iranische Juden zwar Reis, aber keine Hülsenfrüchte zu sich nehmen. Sind die Ehepartner unterschiedlicher geographischer Herkunft, richtet sich der Haushalt, jedenfalls in religiösen und traditionellen Familien, nach dem Ehemann.
Innerhalb der aschkenasischen Welt gibt es ebenfalls Auslegungsunterschiede zum Chametz-Verbot. Die beiden großen Strömungen der Ultraorthodoxie – die Chassidim und die „Litwaks“ (Juden aus Litauen, Weißrussland und Nordostpolen beziehungsweise deren Nachfahren) – haben konträre Regeln zum Anfeuchten von Mazzot. So sprechen die „Litwaks“ eingeweichten, etwa in Suppe oder Sauce getauchten Mazzot gern zu, während Chassidim ebendies strikt meiden. Damit wollen sie der Strenge des Chametz-Verbots Rechnung tragen. Die für viele Genießer urjüdische Pessachspeise, Hühnersuppe mit Matze-Kneidlach, wird man in chassidischen Häusern ebenfalls vergeblich suchen, wird doch bei der Zubereitung von Kneidlach Matze-Mehl eingeweicht.
Nicht einmal Mazzot sind gleich Mazzot. Bei Sefarden gilt so genannte „reiche“ Matze, die mit Eiern gebacken wurde, als über Pessach zulässig, wenngleich am Sederabend selbst „strenge“, also ausschließlich aus Mehl und Wasser zubereitete Mazzot gegessen werden müssen. Dagegen bleiben fromme Aschkenasen der Delikatesse fern. Besonders zu beneiden sind aber Juden jemenitischer Provenienz: Ihre Mazzot sind nicht flach und hart (geflügeltes Stichwort: „Pappkarton“), sondern weich und dürften damit eher den ursprünglichen Mazzot gleichen. Freilich gilt für alle Gruppen: Zwischen Teiganrühren und Beendigung des Backens dürfen höchstens achtzehn Minuten vergehen. Nur dann ist nach der für alle jüdischen Gemeinden verbindlichen rabbinischen Meinung gesichert, dass der Teig nicht zu Chametz wird.
Eine weitere „typisch jüdische“ Pessach-Delikatesse ist gefillte Fisch, für den grundsätzlich Karpfen verwendet werden. Im Vorfeld des Pessach-Festes erreicht die Nachfrage nach Karpfen in Israel ein Rekordniveau, dem einheimische Züchter nicht gewachsen sind, so dass das Angebot durch Importe aufgerundet wird. Indessen ist Fisch an Feiertagen zwar rabbinisch angeordnet, doch ist der Rückgriff auf Karpfen eine historisch gewachsene Sitte osteuropäischer Juden. Daher ist der Genuss von gefillte Fisch keine halachische, sondern allenfalls eine familiäre Pflicht, falls die Tante oder die Schwiegermutter sie in mühevoller Arbeit zubereitet hat.
Da Pessach zu denjenigen Feiertagen gehört, die außerhalb der historischen Heimat doppelt gefeiert werden, dauert es in der Zerstreuung acht, im Lande Israel aber nur sieben Tage. Will heißen: Während die Bewohner Israels am achten Tag Brot und Nudeln essen dürfen, bleibt es ihren Brüdern aus der Diaspora noch verwehrt. Entscheidend ist dabei nicht der Aufenthaltsort am Pessachfest, sondern der ständige Wohnort. Daher richtet sich ein in Israel lebender Jude, der sich nur vorübergehend im Ausland aufhält, nach dem israelischen Brauch, während der fromme Tourist aus den USA, der die Pessachtage im Heiligen Lande verbringt, Chametz auch am achten Tag meidet. Auf die Staatsangehörigkeit kommt es nicht an. Daher muss ein dauerhaft im Ausland lebender Israeli das Chametz-Verbot auch dann acht Tage lang einhalten, wenn er gerade seine Familie in Tel-Aviv besucht.
wst