10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Vom Informationstechnologen zum Rabbiner

Menachem Mendel Gurewitz war Computerexperte. Doch Menschen faszinieren ihn mehr als Technik.

Manchmal kann das Misstrauen gegenüber den Eltern weit reichende Folgen haben: Als dem Fachmann für Informationstechnologie Menachem Mendel Gurewitz ein lukrativer Computer-Job angeboten wurde, ging er zu seinem Vater und bat ihn um Rat. Es war eine schwierige Entscheidung: Eine Annahme des verlockenden Angebots hätte das vorzeitige Ende seiner Rabbinerausbildung bedeutet. Dennoch riet ihm sein Vater, selbst Rabbiner, den gut bezahlten Computer-Job anzunehmen. „Da bin ich irgendwie misstrauisch geworden und habe das Angebot abgelehnt“, sagt Gurewitz und lacht. Dass Rabbiner seine eigentliche Berufung ist, hatte sich bereits bei seiner früheren Arbeit gezeigt: Als Gurewitz noch bei einer anderen Computerfirma in Los Angeles arbeitete, brachte er seinen jüdischen Kollegen Tefillin (Gebetsriemen) mit. „Ich war sozusagen schon in meiner alten Firma Rabbiner“ erzählt Gurewitz.
Seit über elf Jahren hat Gurewitz jetzt eine eigene Gemeinde.1998 nahm er seine Arbeit als Rabbiner in Offenbach auf. Dass er sich für diesen Beruf entschieden hat, war der richtige Entschluss. „Rabbiner zu sein, liegt mir einfach näher, ich will nicht nur auf einen Bildschirm starren. Ich will Beziehungen zu Menschen aufbauen und mit ihnen sprechen“ - sagt der Sechsunddreißigjährige. Außerdem liegt diese Arbeit in der Familie: Nicht nur sein Vater, auch schon sein Großvater war Rabbiner.
Gurewitz hätte auch in den USA bleiben oder nach Israel auswandern können. „Ich hatte einige Angebote. Aber da gibt es ja überall schon genügend Rabbiner“, sagt er. Gurewitz wollte die Herausforderung – und die fand er in Deutschland. Dass er den schwierigeren Weg ging, hängt auch damit zusammen, dass er Anhänger der Chabad-Bewegung ist. Diese hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, jüdische Gemeinden außerhalb Israels zu unterstützen und Juden den Glauben näher zu bringen. „Ich denke, dass die Leute ein großes Bedürfnis nach Spiritualität haben, die wir ihnen bieten,“ sagt Gurewitz. Als Gesandter von Chabad gründete er mit seiner Gemeinde ein Chabad-Haus in Offenbach.
Für Deutschland war Gurewitz in gewissem Sinne prädestiniert. Ursprünglich wuchs er in Lyon auf und hatte damit Europa-Erfahrung. Zudem spricht er fließend russisch, weil er während seiner Rabbinerausbildung ein einjähriges Praktikum in St. Petersburg absolviert hatte. Viele Freunde hatten ihn deshalb ermutigt, seine Erfahrungen in Deutschland einzubringen.
„Ich war eben noch jung“, sagt Gurewitz zu seiner Entscheidung für einen Posten in Deutschland. Und er gibt zu: Vielleicht würde er heute einen bequemeren Weg wählen. Denn das Leben als streng religiöser Jude in Deutschland ist nicht immer einfach: „Es ist hier sehr schwer, sich koscher zu ernähren und auch einmal in ein jüdisches Restaurant zu gehen“, klagt Gurewitz. Vor allem für eine kinderreiche Familie ist das mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden: Gurewitz und seine Frau ziehen sechs Kinder groß.
Gleichzeitig aber ist ihm die komplexe Situation in Deutschland auch Antrieb und Motivation. „Ich will helfen, dass die Juden hier in Deutschland ein möglichst jüdisches Leben führen können:“ Vor allem bedrückt ihn, dass beispielsweise viele ärmere Familien sich gerne koscher ernähren würden, sich das aber nicht leisten können. Solche Probleme will er anpacken. Und weil ihn diese Aufgabe erfüllt, fühlt er sich trotz der manchmal schwierigen Bedingungen in Deutschland wohl: „Ich bin hier sehr zufrieden.“
Frederic Spohr