5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

Training gegen Judenhaß

Neues Projekt: Schüler lernen, über Vorurteile aufzuklären

Von Sophie Neuberg


Antisemitismus drückt sich anders aus als Ressentiments gegen andere Minderheiten. Meist werden keine konkreten Juden gehaßt, sondern „der imaginäre Jude“,wie Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel es ausdrückt. Juden haben nach gängigen Vorurteilen zuviel Einfluß und zuviel Geld. In der modernen Variante wird etwa die Politik der israelischen Regierung im Nahostkonflikt mit dem Holocaust gleichgesetzt.

Gegen solche Formen des Antisemitismus richtet sich ein Projekt, das in diesen Tagen an Schulen in Berlin und Brandenburg startet. Grundlegend ist dabei die Ansicht, daß der Geschichtsunterricht über die Greueltaten der Nazis bei weitem nicht ausreicht, um Judenhaß zu bekämpfen. Frontalunterricht stößt ohnehin an seine Grenzen, sobald die Schüler das Gefühl haben, daß ihnen Mit- und Schuldgefühl von außen verordnet werden. Das Programm mit dem etwas sperrigen Titel Fit machen – Für Demokratie und Toleranz – Schülerinnen und Schüler setzen sich als Youth-Trainer mit Antisemitismus auseinander dagegen setzt auf ein spezifisches Training für Schüler. Sie sollen als „Youth Leader“eine Vorbildfunktion übernehmen. Unterstützend werden die Lehrer trainiert und Eltern zu Veranstaltungen eingeladen.

Wichtigstes Ziel ist es, Jugendliche zu befähigen, sich mit antisemitischen Äußerungen in ihrer Umgebung auseinanderzusetzen und solchen Äußerungen entgegenzutreten. In jeder ausgewählten Schule haben sich bis zu zwanzig Schüler beworben. Nur eine kleine Gruppe von sechs bis acht Jugendlichen wird am Ende teilnehmen können – und das in ihrer Freizeit.

Youth Leadership hat in den USA Tradition Es wurde 1981 vom American Jewish Committee (AJC) entwickelt und wird hierzulande von der Berliner Vertretung des AJC in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Landesinstitut für Schule und Medien umgesetzt. Das Programm basiert auf der Erkenntnis, daß Jugendliche in ihren Cliquen als Multiplikatoren wirken können. Sie vermitteln die erlernten Inhalte auf einer gleichberechtigten Basis und mit emotionaler Beteiligung, was sie glaubwürdig macht. Damit das gelingt, werden im Training Schlüsselkompetenzen wie Empathie, Kooperation und Kommunikationsfähigkeit gefördert. In den Kursen sollen die Schüler auch mit den subtilen Vorurteilen konfrontiert werden, die sie möglicherweise selbst haben. Zudem sollen sie Grundkenntnisse über jüdische Geschichte, die Geschichte des Staates Israel und des Nahostkonflikts erwerben. Auch ein kritischer Umgang mit dem Internet ist Bestandteil des Trainings. Eine CD-Rom zum Thema Antisemitismus soll ebenfalls produziert werden.

Das Projekt läuft zunächst zwei Jahre. Schüler aus der 8. und 9. Klasse besuchen regelmäßig das Training. Gleichzeitig nehmen ihre Eltern und Lehrer an Fortbildungen der Friedrich-Ebert-Stiftung teil. Nach zwei Jahren sollen die Jugendlichen in der Lage sein, subtilen Antisemitismus zu erkennen, sich damit argumentativ auseinanderzusetzen, aber auch ihr Wissen weiterzugeben und so nach dem Schneeball prinzip ihre eigene Nachfolge zu sichern.

aus Jüdische Allgemeine Nr. 11/17.3.05