10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Ratespiel

Die Zahl der Juden in Russland lässt sich nur schwer bestimmen, geht aber rapide zurück

„Wie viele Juden gibt es bei uns?“ fragt in einem alten Witz Leonid Breschnew den KGB-Chef Juri Andropow. „Rund zwei Millionen“, antwortet dieser, „aber wenn wir sie ausreisen lassen, werden es zwanzig Millionen sein.“ Seitdem ist die jüdische Bevölkerung im ehemaligen Land der Räte dramatisch geschrumpft, doch lässt sich ihre heutige Größe kaum bestimmen. Das gilt auch für das Kernland des ehemaligen Imperiums, Russland. Grundlage der hierzu vorliegenden gängigen Schätzungen ist die russische Volkszählung des Jahres 2002. Damals gaben 233.000 Bewohner der Russischen Föderation an, der jüdischen Volksgruppe zuzugehören. Angesichts der stetigen Schrumpfung der jüdischen Bevölkerung dürfte diese Zahl im Jahre 2010 eher bei 200.000 liegen. Das wären nur noch 35 Prozent des 1989 bei der letzten sowjetischen Volkszählung verzeichneten Standes.
Indessen ist diese Angabe sowohl durch Zuschläge als auch Abschläge zu korrigieren, wobei beides ohne amtliches statistisches Material nur unpräzise ist. So etwa ließen sich zu Sowjetzeiten viele Kinder jüdischer Mütter und nichtjüdischer Väter – obwohl halachisch jüdisch - als Angehörige der Volksgruppe ihres jeweiligen Vaters eintragen und leben bis heute unter der nichtjüdischen Identität. Insofern muss das Ergebnis der Volkszählung nach oben revidiert werden. Umgekehrt aber stütze sich des Zensus ausschließlich auf Eigenangaben der Bürger. Daher sind in die Statistik auch Personen eingeflossen, die keine Juden im Sinne der Religion sind. Nach Meinung des israelischen Demographen Markt Tolts, der sich auf die jüdische Bevölkerungsstatistik in der Ex-UdSSR spezialisiert, leben heute rund 255.000 Juden in der Russischen Föderation. Indessen geht auch Tolts von den Zensusdaten aus. Eine auf dem halachischen Kriterium beruhende Statistik hält der Forscher für „sehr schwer“.
Es gibt aber auch Schätzungen, die von weitaus höheren Zahlen ausgehen. So etwa erklärte die amerikanische National Conference on Soviet Jewry, eine Organisation, die sich für die Belange von Juden in der ehemaligen Sowjetunion einsetzt, gegenüber der Jüdischen Telegraphenagentur (JTA), in Russland lebten heute noch 400.000 bis 700.000 Juden. Noch höher greift der russische Oberrabbiner Berel Lazar: Er geht von einer jüdischen Bevölkerung von einer Million Personen aus, und zwar solchen, die im Sinne der Halacha von einer jüdischen Mutter abstammen. Diese Zahl überzeugt nicht alle: Wer von einer Million Juden spreche, so Forscher Tolts, müsse auch erklären, wie er gerechnet habe.
Nach Auskunft der israelischen Botschaft in Moskau sind 530.000 Einwohner der Russischen Föderation nach dem israelischen Rückkehrgesetz einwanderungsberechtigt. Wie viele von ihnen Juden seien, bleibe jedoch unbekannt. Indessen ist auch diese von der israelischen Regierung ermittelte Zahl der Einwanderungsberechtigten lediglich eine Schätzung und möglicherweise zu niedrig, gilt doch das Rückkehrgesetz nicht nur für halachiche Juden und für Kinder eines jüdischen Vaters, sondern auch für die Enkel eines jüdischen Großententeils mitsamt deren Ehepartnern und Kindern. Damit können auch Familien die Immigrationsberechtigung besitzen, in denen sich niemand zum Judentum bekennt.
Eines ist indessen unbestritten: Wie hoch die Zahl der in Russland noch verbleibenden Juden auch sein mag, geht sie rapide zurück und könnte im Laufe des neuen Jahrzehnts um ein volles Drittel schrumpfen. Während die Sterblichkeit beträchtlich ist, bringt eine russische Jüdin Schätzungen zufolge im Durchschnitt nur 0,6 bis 0,8 Kinder zur Welt. Einer Prognose zufolge könnte die Zahl der sich selbst als Juden definierenden Personen in der Russischen Föderation bis 2020 auf 130.000 sinken. Das wäre der niedrigste Stand seit rund einem Jahrhundert, also seit der Zeit, in der die Aufhebung des „Ansiedlungsrayons“ jüdische Massenmigration aus der Ukraine und Weißrussland ins ethnische Russland nach sich zog.
ZTA/zu