10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Ritualmord

Kölner Plakat greift in die Rüstkammer alten Judenhasses

Eine Klagemauer gibt es nicht nur in Jerusalem, sondern – so jedenfalls ihre Bezeichnung - auch in Köln. Allerdings handelt es sich bei der Kölner „Mauer“ um kein Bauwerk, sondern um eine in Domnähe eingerichtete Anlage aus Wäscheleinen und darauf hängenden Pappplakaten. Im Januar 2010 geriet die Kölner „Klagemauer“ mit einem Hetz-Plakat in die Schlagzeilen: Das „Werk“ bildet einen am Tisch sitzenden Mann ab, der Gabel und Messer ein totes, ausgeblutetes palästinensisches Kind zerstückelt. Neben dem Teller steht ein mit Blut gefülltes Glas; den Brustlatz des Kindesmörders schmückt ein blauer Davidstern.
Er wollte, so Walter Hermann, Betreiber der „Klagemauer“, zur Lage im Nahen Osten nicht schweigen. Inzwischen hat er das Plakat abgehängt, vielleicht unter dem Anprall von Protesten, die ihm antisemitische Hetze vorwarfen, doch ist die Affäre damit kaum ausgestanden. Vielmehr verdeutlicht der Vorfall in besonderem Maße, wie untrennbar vermeintliche Israel-Kritik mit Motiven des „traditionellen“ Judenhasses verknüpft sein kann. Im konkreten Fall sind die Parallelen zwischen dem berüchtigt gewordenen Plakat und dem bei Antisemiten aller Epochen und jeglicher Couleur beliebten Vorwurf des Ritualmordes augenfällig.
Im christlichen Abendland sind Kindesmordanschuldigungen gegen Juden seit dem 12. Jahrhundert belegt. In England beginnend, verbreitete sich die Ritualmordlegende bald europaweit. Der Vorwurf des Ritualmordes an Kindern und der Verwendung ihres Blutes - sei es als Heilmittel, sei es zur Herstellung von Mazzot – wurde von christlichen Hasspredigern mit dem Kirchendogma verknüpft: Die vermeintlichen Opfer wurden mit Jesus aus Nazareth gleichgesetzt, ihr Blut mit dem Blut des christlichen Erlösers. Damit verband die Blutmär den Judenhass mit volkstümlicher Frömmigkeit – eine tödliche Mischung, die wiederholt zur Ermordung der beschuldigten Juden führte. Das Motiv des Messer schwingenden, Kinder mordenden Juden kam auch in zahlreichen Zeichnungen und Gemälden zum Ausdruck. Ein häufig und in grausiger Genüsslichkeit illustriertes Motiv war der 1475 verübte, Juden zugewiesene Mord am dreijährigen Simon von Trient.
Selbst in der Moderne starb die Ritualmordlegende nicht aus. Noch im Jahre 1913 wurde der Jude Menachem Mendel Beilis in Kiew wegen des angeblichen Ritualmordes an einem zwölfjährigen Jungen vor Gericht gestellt und erst nach einem weltweit Aufsehen erregenden Prozess freigesprochen. Im Ermittlungsverfahren fehlte nicht der Hinweis auf das Pessachfest und damit auf die angebliche Verwendung von christlichem Blut für Mazzot. Die Ritualmordanschuldigung wurde auch von der NS-Propaganda aufgenommen, vor allem durch das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ dankbar aufgegriffen. Im Jahre 1939 gab die Redaktion sogar eine Sondernummer zu diesem Thema heraus. Allerdings blieb die Ritualmordbehauptung keineswegs auf den „Stürmer“ begrenzt und wurde auch in pseudowissenschaftlichen Abhandlungen verbreitet.
In der islamischen Welt wurde die Ritualmordanklage in den Korpus bestehender antisemitischer Vorurteile aufgenommen. Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung gilt der 1840 unter dem Vorwurf des Mordes an einem christlichen Mönch und dessen Diener gegen Damaszener Juden geführte, von schweren Foltern begleitete Prozess. Die dabei gefällten Todesurteile wurden nur auf internationalen Druck aufgehoben. Heute wird der Ritualmordvorwurf in der islamischen Welt vor allem als Mittel antisemitisch-antiisraelischer Propaganda. Dabei wird der Blutmordvorwurf von den höchsten Regierungsstellen nicht nur geduldet, sondern zum Teil aktiv verbreitet. Im Jahre 2004 etwa veröffentlichte das Organ der Palästinensischen Nationalbehörde, Al-Chajat Al-Dschedida, eine Karikatur, die den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon beim gierigen Verspeisen palästinensischer Kinder abbildet. All das sind nur einige wenige Beispiele. Die Liste ließe sich nahezu endlos verlängern.
Vor diesem Hintergrund bedarf es besonderer Ignoranz oder besonderer Impertinenz, um die Verwandtschaft zwischen den Bildern des „alten“ Judenhasses und dem vermeintlich nur politischen Plakat an der Kölner „Klagemauer“ zu verneinen. Diese Verwandtschaft beim Namen zu nennen, ist eine über den Kölner Einzelfall hinausgehende Aufgabe. Überall, wo sich ein wütiger Judenhass als legitime politische Aussage tarnt, muss er demaskiert werden. Sonst wird ein wirksamer öffentlicher Kampf gegen die Anstachelung antijüdischer Emotionen nicht möglich sein – am Rhein wie anderswo.

Stephan J. Kramer