10. Jahrgang Nr. 3 / 26. März 2010 - 11. Nissan 5770

Schiefe Sicht

Was deutschen Medien am Zentralrat missfällt – und warum

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 3
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 3
Von Stephan J. Kramer

In letzter Zeit ist der Zentralrat zu einer beliebten Zielscheibe medialer Kritik geworden. Nun versteht sich, dass jüdische Gremien, wie alle anderen auch, legitime Objekte kritischer Berichterstattung sind. Allerdings ist im Fall des Zentralrats der schiefe Blickwinkel unübersehbar, aus dem die Medienvertreter den Zentralrat ihren Lesern häufig präsentieren
So ist in den Medien immer wieder die Klage zu finden, der Zentralrat schwinge sich zu einem „Moralwächter“ auf, indem er seine Stimme beständig gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit erhebt. Gleichzeitig aber erwarten die Medien vom Zentralrat Stellungnahmen zu just diesen Problemfeldern. Wohl wahr: Als Juden brechen wir die Lanze für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte, damit sich die Schrecken der Vergangenheit nicht einmal im Ansatz wiederholen können. Wenn unser Engagement aber quasi im gleichen Atemzug verlangt und kritisiert wird, dann haben wir es mit einem frappierenden Zwiespalt zu tun: Man braucht die Juden, und gerade das nimmt man ihnen dann übel. Dies und mehr: Juden sind als Mahner gegen Rechts gefragt. Protestieren sie aber gegen den linken oder islamisch-fundamentalistischen Antisemitismus, sind sie nicht mehr politisch korrekt. Da lässt sich sicherlich nicht behaupten, der Zentralrat diktiere der armen Bundesrepublik ihre Tagesordnung.
Der sich anbahnende Wechsel an der Spitze des Zentralrats wiederum war vielen Kommentatoren ein Anlass, ein „Ende der Ära der Holocaust-Überlebenden“ zu beklagen. Nun aber sind noch zahlreiche Juden, die den Nazi-Genozid überlebt haben, in allen Gremien des Zentralrats tätig, und wir hoffen, dass sie noch lange ihren unermesslich wichtigen Beitrag zum jüdischen Leben leisten werden. So entspricht die These von „Ende einer Ära“ eher dem innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht seltenen Bedürfnis, den Holocaust an sich gleichsam zu „entsorgen“.
Ein anderer gern wiederholter Vorwurf besagt, der Zentralrat verwehre es Zuwanderern aus der ehemaligen UdSSR, in Führungspositionen des jüdischen Lebens aufzusteigen. Dabei würde selbst eine kurze Recherche klarmachen, dass die demokratische Struktur der jüdischen Gemeinden und des Zentralrats eine derartige Verschwörung erst gar nicht zulässt. Auf der faktischen Ebene hat die Integration der Zuwanderer ins organisierte jüdische Leben bereits große Fortschritte gemacht. Wenn sie dennoch ausbaubedürftig ist, so liegt das nicht am Unwillen des Zentralrats, allein schon – aber nicht nur - weil dieser eine Dachorganisation der Gemeinden ist. Und in diesen sind neun von zehn Mitgliedern Zuwanderer oder deren Kinder.
In einer großen deutschen Zeitung wurde die vermeintliche Haltung der „alteingesessenen“ jüdischen Gemeinschaft zu den GUS-Zuwanderern sogar mit der Feindseligkeit verglichen, die manche deutsche Juden im Vorkriegsdeutschland gegenüber „Ostjuden“ an den Tag legten. Auch hier liegen Tadel und Tatsachen weit auseinander. Nach dem Mauerfall und dem beginnenden Zerfall der Sowjetunion hat sich der Zentralrat bei der Bundesregierung und den Landesregierungen dafür eingesetzt, dass die spontane Absetzbewegung sowjetischer Juden nach Deutschland auf eine langfristige Rechtsgrundlage gestellt wurde: nicht gerade ein Indiz für Feindseligkeit
Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Verhältnis zwischen den „Alten“ und den „Neuen“ nicht gelegentlich auch gegenseitige Überlegenheitsgefühle gäbe. In welcher Gemeinschaft, in der eine damals 30.000 Personen starke Bevölkerung letztendlich über 100.000 „Zugereiste“ aufnehmen musste, wäre es nicht dazu gekommen? Für viele Gemeinschaften wäre eine Konstellation dieser Art zur Zerreißprobe geworden. Dagegen wurde die Einheit der jüdischen Gemeinden gewahrt. Das Verbindende war eben stärker als das Trennende. Für die meisten Medien ist diese bewundernswerte Tatsache ebenso wenig ein Thema wie der erfolgreiche Aufbau neuer Gemeinden, Synagogen, Kindergärten, Rabbinerausbildungsstätten und einer lebendigen und kreativen Gemeinschaft in der wiedervereinigten Bundesrepublik.
Einer jüdischen Gemeinschaft, übrigens, in der auch das Streitgespräch nicht verstummt. Für viele Medien ist jüdischer Hader ein beliebter Ansatz, Negatives über den Zentralrat zu schreiben. Man beruft sich auf jüdische Kritiker, druckt ihre Meinung ab und kann darauf verweisen, die Anfeindung stamme ja von einem Juden – will heißen, sie müsse richtig sein. Da können wir die Redaktionsleiter beruhigen: Der Zentralrat ist robust und selbstbewusst genug, um kritische Stellungnahmen ernst zu nehmen, egal ob ihr Verfasser am heiligen Tag seiner Woche in die Synagoge, die Kirche oder die Moschee geht – nur aus dem Finger gesogen sollten die Vorwürfe nicht sein.

Der Autor ist Generalsekretär des
Zentralrats der Juden in Deutschland