5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

„Der Verlust hinterlässt eine schmerzliche Lücke“

Zentralratspräsident Paul Spiegel über die Verdienste von Papst Johannes Paul II. und sein Verhältnis zum Judentum

Seit wenigen Tagen hat die Welt einen neuen Papst – Benedikt XVI steht fortan an der Spitze der katholischen Weltgemeinschaft mit über einer Milliarde Mitgliedern. Zentralratspräsident Paul Spiegel äußerte sich optimistisch über die Wahl des deutschstämmigen Josef Ratzinger zum Oberhaupt der Katholiken: „Ich bin davon überzeugt, das Papst Benedikt XVI. den von seinem Vorgänger, Papst Johannes Paul II, eingeschlagenen und erfolgreich beschrittenen Weg der Verständigung zwischen Christen und Juden im Interesse und zum Wohle beider Religionen fortsetzen wird.“ Papst Johannes Paul II war am 2. April nach langer schwerer Krankheit gestorben. Der Tod des gebürtigen Polen hatte weltweit tiefe Trauer ausgelöst. In einem kurzen Gespräch reflektiert Paul Spiegel über die Bedeutung von Papst Johannes Paul II für die jüdische Gemeinschaft.

Herr Spiegel, was hat Sie persönlich an Papst Johannes Paul II beeindruckt?

Paul Spiegel: Ich traf mit dem Papst anlässlich seines Deutschlandbesuches im Juni 1996 gemeinsam mit dem damaligen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis sel. A. und anderen Kollegen des Präsidiums zusammen. Neben seinem Charisma zeichneten ihn seine besondere Herzlichkeit und menschliche Wärme aus.

Johannes Paul II. war fast 27 Jahre Papst. Welche Verdienste hat er sich aus jüdischer Sicht erworben?
Spiegel: Papst Johannes Paul II. gehört zu den größten historischen Persönlichkeiten unserer Zeit. Nicht nur spielte er eine historische Rolle beim Zusammenbruch des Kommunismus. Er zeichnete, wie kein anderer, verantwortlich für eine grundlegende und nachhaltige Verbesserung des christlich-jüdischen Verhältnisses. Unvergessen bleibt seine Verurteilung des Antisemitismus als Sünde gegen Gott. Auch seine Bitte um Vergebung für die Sünden, die Christen Juden angetan haben, anlässlich seines Besuches der Klagemauer in Jerusalem, hat uns alle tief und nachhaltig berührt.

Dennoch ist das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum nicht immer ungetrübt. Stichwort: Abtreibung und Schoa-Vergleich.
S
piegel: Sie meinen sicher den Streit mit einem Repräsentanten der katholischen Kirche. Man kann daher nicht von einem Streit mit der katholischen Kirche sprechen. Die jüngste Diskussion soll damit keinesfalls bagatellisiert werden. Wichtig bleibt, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und mögliche Gräben im Dialog zu überwinden. Gerade Papst Johannes Paul II. hat als Brückenbauer im besten Sinne des Wortes gewirkt.

Zu/JA Nr. 14