5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

„...mit Gottes Hilfe“

Autorin Irina Leytus erzählt die Geschichte von Pavel Buchman, der mit über sechzig Jahren als Zahnarzt noch einmal ganz von vorne angefangen hat

Von Irina Leytus

„Unser Gott hat mir nicht nur einmal geholfen“, sagt Pavel Efimovich Buchman (87), ohne Pathos, eher nachdenklich. Wie durch ein Wunder überlebte Buchman, der als Militärarzt das Kriegsende in Berlin erlebt hatte, die deutsche Gefangenschaft. Dass der 24-Jährige als Offizier und Arzt in den Krieg ging, verdankt Pavel Efimovich ebenfalls einer Fügung: „Am 22. Juni 1941 hatten wir die vorletzte Abschlussprüfung in Leningrad. Als wir anschließend ahnungslos feiern wollten, erfuhren wir, dass der Krieg begonnen hatte. Zuhause wartete schon ein Einberufungsbefehl. Ich rief den Präsidenten unserer Hochschule an und wir vereinbarten, dass alle Absolventen noch vorher ihr Diplom erhalten würden. Mit der Abschlussprüfung in der Tasche wurde ich sofort Chef einer Krankenstation.“

Schon immer wollten Pavel und seine Frau, Zina, ihre Heimat verlassen. Buchman, der zuletzt als Zahnarzt gearbeitet hat, gelang 1980 die Ausreise nach West-Berlin. Trotz seines Alters – immerhin war er damals bereits 62 Jahre alt – wollte er sich in seiner neuen Heimat als Zahnarzt nieder lassen. Doch das schien zunächst unmöglich: Buchman hörte immer wieder, dass bereits 45-Jährige keine Chance mehr hätten. Sogar der Berliner Gemeindevorsitzende, Heinz Galinski, sah keine Möglichkeit, dem jüdischen Zuwanderer zu helfen: Bei allem Respekt und der Bewunderung für Buchmans Entschlossenheit empfahl er ihm, in Ruhe seinen Lebensabend zu genießen.

„Ich wollte unbedingt das Gegenteil beweisen! In Berlin gab es damals 1300 Zahnarztpraxen. 700 habe ich besucht und wollte mein Können unter Beweis stellen. Letztendlich gab mir Dr. Arno Berger eine Chance – anschließend stellte er mich sofort ein.“ Schon bald leitete Buchman quasi selbständig die Praxis und erhöhte die Patientenzahl von 600 auf 900 pro Quartal.

Doch dem Spezialisten für Prothetik war das nicht genug, er wollte „sein eigener Herr sein“. „Als mir 1986 eine interessante Praxis angeboten wurde, konnte ich schließlich mit Hilfe deutscher und russischer Kollegen, von Freunden und Gesundheitspolitikern endlich meine eigenen Räume eröffnen. Das besondere war: Ich hatte keine deutsche Staatsbürgerschaft. Durch die großartige Hilfe der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die eigens für mich das ,lex Buchman’ erlassen hatte, gelang überhaupt diese formale Ausnahme.“ Rückblickend ist Buchman stolz darauf, dass er auf diese Weise Hunderten von Menschen helfen konnte. Allerdings verschweigt der bescheidene Helfer, dass er beispielsweise jeden Mittwoch von 15 bis 18 Uhr kostenlos arme russischsprachige Immigranten behandelt hat.

Nun braucht man, um eine eigene Praxis zu führen, nicht nur eine offizielle Zulassung, professionelle Kenntnisse, Erfahrung und einen guten Ruf, sondern auch kaufmännisches und juristisches Verständnis – und vor allem Sprachkenntnisse. Seine Deutschkenntnisse hat Buchman seinen Patienten zu verdanken: „Ich forderte sie einfach auf, mit mir zu kooperieren: Ich würde ihnen bei ihren Problemen mit ihren Zähnen helfen und sie mir bei meinen Problemen mit der Sprache. So habe ich Deutsch gelernt.“ Dabei hatte Pavel Efimovich eine professionelle Lehrerin zur Hause: Seine Frau Zina Borisovna unterrichtete in Leningrad Deutsch an der Hochschule für Sprachwissenschaften. Sie schaffte es, Sohn Alexander in einem sechswöchigen „Crashkurs“ auf eine Zulassungsprüfung an der Uni vorzubereiten. „Aber mit dem eigenen Ehemann ging es nicht! Dabei sind wir ein glückliches Paar. Und das schon seit fünfzig Jahren!“ Nach einem Herzinfarkt im Auto musste Buchman vor zwei Jahren seine Praxis schließen und die „geliebte Arbeit“ endgültig an den Nagel hängen. Nichtsdestotrotz ist der Optimismus von Pavel Efimovich ungebrochen: „Wenn ich gesundheitstechnisch wieder ins Lot komme, werde ich eine neue sinnvolle Aufgabe übernehmen, denn das entspricht meiner Lebenseinstellung“