10. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2010 - 12. Adar 5770

Jiddisch? Nein, danke!

In den ersten Jahrzehnten der Sowjetunion wandten sich viele Juden von der Sprache ihrer Väter ab

Die Geschichte der jiddischen Sprache in der Sowjetunion wird zumeist mit dem Niedergang der jüdischen Kultur in „Land der Räte“ assoziiert: der Ermordung eines Großteils der jiddischsprachigen Juden während des Holocausts und der brutalen Unterdrückung durch das Stalin-Regime. In der poststalinistischen Ära war eine wirkliche Renaissance trotz gewisser Erleichterungen weder erwünscht noch möglich. Dass diese Tragödie des Jiddischen in unserem kollektiven Gedächtnis im Vordergrund steht, ist verständlich, doch ist sie nicht der einzige bedeutende Aspekt der Entwicklung jiddischer Kultur in der UdSSR. Eine interessante Frage hat jetzt der israelische Historiker und Osteuropaexperte, Professor Mordechai Altschuler, aufgeworfen. Nach Altschulers Erkenntnissen gab es vor dem Zweiten Weltkrieg eine deutliche innerjüdische Abwendung vom Jiddischen. Viele Juden fühlten sich eher zu der sozial dominanten russischen Kultur hingezogen und setzten sich vom Jiddischen ab – letztendlich nicht anders, als es Juden beispielsweise in den USA taten. Altschuler betont, dass die spätere Zerschlagung der jiddischen Kultur unter Stalin nichts mit den Integrations- und Assimilationsvorstellungen der Juden selbst zu tun hatten. Die letztendliche Liquidierung der jiddischen Kultur, so der renommierte Kenner der Materie, hätte auch bei ungebrochenem Interesse jüdischer Volksmassen an Jiddisch stattgefunden. Das aber mache den innerjüdischen Aspekt nicht weniger interessant.
Selbstverständlich wandten sich nicht alle Juden von Jiddisch ab, und es gab ein reges jiddisches Kulturleben. Indessen war die Abwanderung zumal zum russischen Kulturkreis signifikant. Im Extremfall hatten die Behörden mehr Interesse am Jiddischen als manche Juden. Ein herausragendes Beispiel ist das jüdische Schulwesen im Stammland jiddischer Kultur: Landesteilen, die im zaristischen Russland zum jüdischen „Ansiedlungsgebiet“ gehört hatten. Im Wesentlichen handelte es sich um die weißrussische und den größten Teil der ukrainischen Sowjetrepublik. Bis 1929 förderte die Sowjetregierung in diesen beiden Republiken die jeweilige Landessprache Weißrussisch beziehungsweise Ukrainisch. Gleichzeitig unterstützten die Behörden den Gebrauch des Jiddischen durch die jüdische Bevölkerung. Ein sichtbares Zeichen war die Expansion jiddischsprachiger Schulen. In den Jahren 1923 bis 1929 nahm deren Schülerzahl in den beiden Republiken von 58.000 auf 87.000 zu. Eine umfassende Verstaatlichung des Erziehungswesens ließ die Zahl auf 121.000 im Jahre 1933 steigen. Indessen, so das Ergebnis von Altschulers Forschung, waren nicht alle jüdischen Eltern von der „Jiddischisierung“ begeistert. Viele hätten ihren Kindern lieber eine andere, vor allem russischsprachige Erziehung gegönnt und mussten von jüdischen Aktivisten, manchmal sogar von den Behörden oft unter Druck gesetzt werden, bis sie ihre Sprosse einer jiddischen Schule anvertrauten. In späteren Jahren kehrte sich die staatliche Förderung des Jiddischen ins Gegenteil um. Dadurch wurde das Problem – wiederum auf diktatorische Weise – in umgekehrter Richtung „gelöst“.
Die Abwendung vom Jiddischen wurde durch die Massenauswanderung von Juden aus den westlichen Landesteilen ins Innere der UdSSR verstärkt. In der Tiefe des Imperiums fügten sich Juden leicht in die russischsprachige Kulturlandschaft ein. Selbst wenn es vor Ort ein jiddisches Kulturangebot gab, nutzten sie es nur begrenzt. Als Beispiel nennt Altschuler das Moskauer Jüdische Theater, das zwar weltweit für sein hohes künstlerisches Niveau bekannt war, in den beiden größten russischen Metropolen aber zunehmend vor gelichteten Reihen spielen musste. Im Jahre 1939 beklagte Theaterdirektor Schlojme (Solomon) Michoels, bei Aufführungen in Leningrad seien nur die ersten drei Sitzreihen besetzt gewesen, und zwar mit Zuschauern, die aus beruflichen Gründen kommen mussten. Dies, wohlgemerkt in einer Stadt mit einer jüdischen Bevölkerung von 200.000 Juden. Zum Teil wurden Theaterkarten an Nichtjuden verteilt, denen die Kulturbehörden erklärten, mit dem Besuch eines jiddischen Theaterstücks würden sie die in der Sowjetunion herrschende „Völkerfreundschaft!“ unter Beweis stellen.
Natürlich waren die sowjetischen Juden nicht die einzigen, die selbst in einer oft feindseligen Umgebung die Kultur ihres jeweiligen Wohnlandes begeistert annahmen. Man braucht nur, ohne die Unterschiede zu verkennen, an Juden im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik sowie in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern zu denken. So stellt Altschulers Forschung zugleich einen interessanten Beitrag zur Erforschung der jüdischen Identität der Moderne dar.
wst