5. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2005 - 20. Nissan 5765

Im Zeichen der Erinnerung

Am 8. Mai jährt sich zum 60. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs – In zahlreichen Gedenkfeiern wurde und wird diesem historischen Datum gedacht

Zukunft 5. Jahrgang Nr. 4
Zukunft 5. Jahrgang Nr. 4

In wenigen Tagen begehen Deutschland und Europa den 60. Jahrestag zum Ende vom Zweiten Weltkrieg, der zwischen 1939 und 1945 von Deutschland ausging und Unheil in die ganze Welt trug. „Es muss alles daran gesetzt werden, die Erinnerung an die furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus gerade für die Nachgeborenen lebendig zu halten", sagte Außenminister Joschka Fischer anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen, dessen Befreiung gleichsam mit Buchenwald, Bergen-Belsen und Ravensbrück bereits im April gedacht worden ist. Mit diesen eindringlichen Worten setzte der deutsche Außenminister ein Zeichen für den Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte. Auch Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrat, fand bei den Gedenkfeiern bewegende Worte, warnte davor, niemals die Augen vor Geschehenem aber auch vor dem Erstarken des Rechtsextremismus zu verschließen und mahnte zum entschlossenen Kampf gegen Rechts. Bei der Gedenkfeier in Bergen-Belsen am 17. April sagte er unter anderem:

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, Zwangsghettos und Todesstätten waren in sich abgeschlossene Welten. Welten, die sich zusammensetzten aus all dem, was jeder Mensch fürchtet und verabscheut: Schmerz, Dreck, Verrat, Brutalität, Einsamkeit, Hunger, Durst, Angst, Kälte, Krankheit, Gier – und Tod. Dieser Mikrokosmos des Grauens schien irgendwo außerhalb der zivilisierten Welt angesiedelt und lag in Wirklichkeit – auch geographisch - inmitten der Gesellschaft. Qual, Terror und Vernichtungswut hatten an diesen Orten ein Ausmaß, das bis heute jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Was dort geschah, was die Inhaftierten ertragen mussten, kann niemand, dem es erspart blieb, vollständig nachempfinden.

In Bergen-Belsen war nicht nur das Leben sondern auch das Sterben qualvoll. Die Häftlinge, die seit dem Spätsommer 1944 von Auschwitz und später aus anderen Lagern nach Bergen-Belsen deportiert wurden, glaubten, den schlimmsten Teil ihres Leidensweges hinter sich zu haben und dem Tod entkommen zu sein. Als sie bei ihrer Ankunft in Bergen-Belsen die katastrophale Situation im Lager wahrnahmen, mussten sie jedoch erkennen, dass sie lediglich von einer Hölle in die nächste überstellt worden waren. Wenn Auschwitz der Inbegriff des bürokratisch organisierten Massenmordes war, dann war Bergen-Belsen der Inbegriff eines durch geduldetes Chaos verursachten Massensterbens ...

Zu den Überlebenden, die nach der Befreiung der Lager nach Deutschland zurückkehrten, gehörte auch mein Vater. Mit einer für mich bis heute beeindruckenden Souveränität verwarf er alle Auswanderungspläne und bekannte sich zu seiner Heimatstadt Warendorf. Er war überzeugt, nach Kriegsende ein anderes, geläutertes Deutschland vorzufinden. Antisemitismus, so glaubte er, habe in einem demokratisch verfassten Deutschland keine Chance. Noch zu Lebzeiten wurde er leider eines besseren belehrt. Jahrzehnte später stellen wir mit Besorgnis fest, dass Antisemitismus, Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen anderen Staaten nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr darstellen. Auf der im vergangenen Jahr in Berlin veranstalteten Konferenz der OSZE zum Thema Antisemitismus in Europa wurde diese Einschätzung bestätigt. Ich appelliere deshalb ganz bewusst von diesem Ort aus einmal mehr an alle damaligen Konferenzteilnehmer, ihren Worten sichtbare Taten folgen zu lassen. ...

Wir alle ... sind gefordert, noch stärker als bisher in die Offensive zu gehen. Wer sich durch rechtsextreme Umtriebe bedroht fühlt, muss sich noch lauter und selbstbewusster als bislang zu Wort melden...Die Tatsache, dass der Antisemitismus 60 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager nicht überwunden ist, darf nicht Anlass zur Resignation sein. Im Gegenteil! Das unverfrorene Treiben von Rechtsradikalen und die weite Verbreitung antisemitischer, rassistischer Vorurteile sollen uns zu einem entschlossenen „Jetzt erst recht!“ herausfordern...Von diesem Jahrestag soll das Signal ausgehen, dass wir nicht zurückweichen! Wie schon bei der Gedenkveranstaltung in Buchenwald, rufe ich deshalb auch heute alle aufgeschlossenen Menschen dazu auf, weiterzugeben, was Sie über Verfolgung, Krieg und den staatlich angeordneten, millionenfachen Mord an unschuldigen Menschen gelernt und von Zeitzeugen erfahren haben! Übernehmen Sie Verantwortung, indem Sie die Erinnerung der Überlebenden aus Demut vor den Ermordeten an die nächste Generation weitergeben