10. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2010 - 12. Adar 5770

Der Emissär

Rabbiner Nissan Ben-Avraham hat eine im Wortsinne historische Mission: Als geistiger Betreuer der Nachfahren spanischer Anussim hilft er Angehörigen dieser Gruppe, ihre jüdischen Wurzeln zu erforschen und – falls Interesse besteht - eine formale Rückkehr zum Judentum einzuleiten. Besonders symbolisch: Ben-Avraham entstammt selbst den Anussim - Juden, die im Spanien des 14. und 15. Jahrhundert zwangsweise zum Katholizismus bekehrt wurden, insgeheim und oft unter Gefährdung des eigenen Lebens aber versuchten, dem Judentum treu zu bleiben. Ben-Avraham wurde als Nicolau Aguilo in Palma de Mallorca geboren und wuchs als gläubiger Katholik auf. Nachdem er die jüdischen Wurzeln seiner Familie entdeckte, wanderte er nach Israel aus, wo er 1978 zum Judentum übertat und im Jahre 1991 zum orthodoxen Rabbiner ordiniert wurde.
Nunmehr wurde Ben-Avraham von der israelischen Organisation Schawei Israel („Israels Rückkehrer“) als Emissär in sein Geburtsland entsandt. In dieser Funktion betreut er Bnei Anussim („Söhne der Zwangsbekehrten“) in dem iberischen Königreich. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Gemeinden in Barcelona, Palma de Mallorca, Alicante and Sevilla. Nach Schätzung von Schawei Israel leben in Spanien noch Zehntausende von Bnei-Anussim, die sich ihrer historischen Verbindung zum jüdischen Volk bewusst sind. Wie der Vorsitzende von Schawei Israel, Michael Freund, erklärte, ist es aus jüdischer Sicht eine Pflicht, auf die Nachfahren der Anussim zuzugehen und sie willkommen zu heißen. Das Wort Anussim leitet sich vom hebräischen Begriff „be’oness“ („unter Zwang“) her. Die katholische Kirche nannte die Anussim beschönigend „Neuchristen“, während sie im spanischen Volksmund verächtlich als Marranos (Schweine) bezeichnet wurden.
Schawei Israel ist nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen Ländern tätig und versteht sich als Ansprechpartner von Personen, die keine Juden im religiösen Sinne sind, sich aber ihrer oft lange zurückliegenden jüdischen Herkunft bewusst sind. Hierbei handelt es sich um Anussim auch in Portugal und in Südamerika, aber auch um Nachfahren der jüdischen Gemeinde im chinesischen Kaifeng, die Subbotnik-Gemeinschaft in Russland und um Abkömmlinge polnischer Juden, die den Holocaust in christlichen Familien überlebten und nach dem Zweiten Weltkrieg als Christen aufwuchsen. Schawei Israel unterstützt Angehörige dieser Gruppen bei ihrer Identitätssuche und stellt auf Wunsch den Kontakt zu rabbinischen Stellen her, verfolgt aber nicht das Ziel, sie zum Judentum zu bekehren.
wst