10. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2010 - 12. Adar 5770

Arme Juden

Die Wirtschaftskrise in den USA hat auch unter Juden die Armut vertieft. Nach Feststellung jüdischer Wohltätigkeitsorganisationen sind viele jüdische Mittelstandsfamilien durch Arbeitsplatzverlust oder Firmenpleiten in die Armutszone gerückt, während die vormals schon Armen oft noch ärmer geworden sind. Vorliegenden Zahlen zufolge leben 250.000 der im Großraum New York lebenden 1,6 Millionen Juden unterhalb der amtlichen Armutsgrenze. Weitere 100.000 werden als nahezu arm definiert. Sie haben es unter Umständen schwerer als die „echten“ Armen, weil die für Armutshilfe bestimmten staatlichen Etats ihnen nicht zur Verfügung stehen.
Religiöse Juden sind von der Armutsfalle stärker als andere betroffen, weil die amtlichen Armutsdefinitionen die durch koschere Nahrungsmittel verursachten, höheren Lebenshaltungskosten frommer Familien nicht in Rechnung stellen. Zudem haben zumal ultraorthodoxe Familien weitaus mehr Kinder als die durchschnittliche amerikanische Familie. Auch unter Senioren und jüdische Immigranten, die in den USA noch nicht erfolgreich Fuß fassen konnten, ist die Armut weit verbreitet.
Ein nach Feststellung von Experten bei Juden schwerwiegendes Problem ist der so genannte Schamfaktor: Viele verzichten lieber auf Hilfe – sei es vom Staat, sei es von jüdischen Hilfsvereinen – um ihre Situation zu verheimlichen. Jüdische Armenküchen berichten von Eltern, die ihre Kinder notgedrungen zum Essen in den Speisesaal schicken, selbst aber draußen bleiben. Die Überwindung der Schambarriere gilt als eine der wichtigsten Aufgaben jüdischer Sozialpolitik.
wst