10. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2010 - 12. Adar 5770

Anerkennen und fördern

Deutschland regelt die Anerkennung ausländischer Abschlüsse neu – ein Blick auf das israelische Modell könnte sich dabei lohnen

In diesem Jahr will die Bundesregierung ein Projekt in Angriff nehmen, auf das Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion seit langem warten: Eine Neuregelung der Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen. Die bisherige Situation in diesem Bereich ist alles andere als zufrieden stellend und hat viele qualifizierte Fachkräfte zur Annahme einer Beschäftigung weit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus gezwungen. Den Schaden hatten nicht nur die Betroffenen, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Daher erkennt das Kabinett nun zu Recht, dass eine Anerkennung von Qualifikationen auch zur Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs in der Bundesrepublik beitragen wird.
Bei der Formulierung der neuen Richtlinien kann es sich lohnen, die in Israel bei der beruflichen Eingliederung der Neueinwanderer gesammelten Erfahrungen zu beachten. In Relation zu seiner Bevölkerung hat Israel mehr Immigranten aufgenommen als wahrscheinlich jedes andere Land der Welt. Zudem erkennt Israel von jeher das ökonomische Potenzial, das der Einwanderung innewohnt. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten sind in Israel 1,2 Millionen Menschen aus der ehemaligen UdSSR eingewandert. Rund 60 Prozent der Erwachsenen konnten bei Einwanderung tertiäre Bildung, also den Abschluss einer Hochschule, Fachhochschule, Berufsakademie oder einer ähnlichen Einrichtung vorweisen. Nach Angaben der israelischen Eingliederungsministerin Sofa Landwer sind seit 1990 mehr als 100.000 Ingenieure aus der Ex-UdSSR nach Israel gekommen. Das ist das Viereinhalbfache (!) der Zahl der 1989 im Lande tätigen Ingenieure. Ein weiteres Beispiel: Nach israelischer Amtsstatistik waren in Israel vor zwanzig Jahren 11.000 Ärzte tätig. Seitdem sind 23.000 Mediziner aus der Ex-UdSSR immigriert.
Gewiss: Nicht alle hoch qualifizierten Immigranten kamen in ihrem Beruf unter. Insgesamt aber gilt die berufliche Integration als erfolgreich. Dabei spielt die relativ reibungslose Anerkennung ausländischer Abschlüsse eine wichtige Rolle. Nach einer Überprüfung des Diploms und des Lehrplans der betreffenden Hochschule spricht das Erziehungsministerium den Olim, und zwar nicht nur solchen aus der Ex-UdSSR, die so genannte „Anerkennung des akademischen Grades für Gehaltszwecke“ aus. Exsowjetische Universitätsdiplome werden dabei in der Regel dem israelischen Magistergrad gleichgestellt, auch wenn für den letzteren mit siebzehn Jahren eine längere Gesamtlernzeit als nach dem sowjetischen Modell erforderlich ist. Damit können die Immigranten zwar keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen – dafür ist die viel kompliziertere Anerkennung durch eine israelische Hochschule erforderlich -, doch verschafft ihnen die „Anerkennung für Gehaltszwecke“ berufsadäquaten Zugang zum Arbeitsmarkt. Für die meisten ist das das entscheidende Resultat.
Bei Architekten und Ingenieuren ist zudem eine Registrierung durch das Ministerium für Industrie, Handel und Arbeit erforderlich, doch stellt auch dies kein schwerwiegendes Problem dar. Ärzte, die in der Ex-UdSSR weniger als 14 Jahre lang beruflich tätig waren, müssen eine Zulassungsprüfung ablegen. Die Prüfung darf beliebig oft wiederholt werden. Ärzte mit längerer Berufserfahrung dürfen ihr Können ohne Prüfung an einem israelischen Krankenhaus unter Beweis stellen und bestehen die Probezeit in aller Regel mit Erfolg.
Indessen betont das israelische Ministerium für die Eingliederung von Einwanderern, die formale Anerkennung der Berufsqualifikationen sei in der Regel nur eine von zwei Voraussetzungen für erfolgreiche Integration. Die zweite Bedingung seien gezielte Fördermaßnahmen, ohne die viele Immigranten kaum Anschluss an den Arbeitsmarkt fänden. So etwa wird die Einstellung von Neueinwanderern für eine Anfangsphase staatlich gefördert. Dadurch kann sich der Arbeitgeber ohne größeres finanzielles Risiko vom Können des Kandidaten überzeugen. Besondere Fördermaßnahmen gelten für die Beschäftigung von Forschern und Wissenschaftlern. Naturgemäß wird man unter den Olim auch Klagen über die israelische Bürokratie hören, wie sie in jedem Land unvermeidlich und oft auch berechtigt sind, doch versteht sich das Eingliederungsministerium als Fürsprecher der Immigranten im Staatsapparat und verfügt über Fachabteilungen, die sich der Lösung spezifischer Probleme widmen.
Natürlich lässt sich das israelische Modell nicht detailgetreu aus Israel nach Deutschland übertragen. Das liegt nicht nur an Unterschieden in der Staatsverwaltung. Vielmehr muss jede Lösung auf die Bedürfnisse der im jeweiligen Land lebenden Migrationsbevölkerung zugeschnitten sein. Indessen sollte die Erkenntnis, dass erfolgreiche Integration von Immigranten in ihrer neuen Heimat für beide Seiten von Vorteil ist, in Deutschland möglichst schnell und unbürokratisch in die Praxis umgesetzt werden. Wenn die Erfahrung Anderer dabei auch nur teilweise helfen kann, sollte sie genutzt werden.
wst