10. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2010 - 12. Adar 5770

Welches Deutschland?

Die historisch-abendländische Identität und die multiethnische Gegenwart prallen in der Bundesrepublik aufeinander

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 2
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 2

In der Integrationsdebatte, die die öffentliche Diskussion in Deutschland wie kaum ein anderes Thema beherrscht, wird immer wieder das Verhältnis der Migranten zur deutschen Mehrheit und der Gefahr ihres Abdriftens in eine Parallelgesellschaft thematisiert. Die Gefahr ist, wohlgemerkt, in vielen Fällen echt, doch geht die Debatte zumeist an einem anderen, nicht minder relevanten Punkt vorbei: Das Verhältnis eines Zuwanderers zu seiner neuen Heimat wird vom Selbstverständnis der alteingesessenen Mehrheit wesentlich mitbestimmt. Je weniger religiöse, sprachliche und kulturelle Vielfalt die Identität der Mehrheitsgesellschaft beinhaltet, umso schwerer fällt es Minderheitsgruppen, ihr Gefühl der Fremdheit abzulegen. Das trifft in vielen Fällen auch für Deutschland zu. Historisch gesehen wurde die deutsche Identität nicht nur von der deutschen Sprache und Kultur, sondern auch von der christlichen Religion geprägt. Wer außerhalb dieser Parameter stand, wurde als fremd empfunden, und kaum eine andere Bevölkerungsgruppe erlebte das schmerzvoller als Juden, deren Präsenz auf deutschem Boden seit der Zeitenwende datiert. Das tragische Ende der jüdischen Bestrebungen um Aufnahme ins deutsche Volk ist bekannt.
Heute ist Deutschland eine freiheitliche Demokratie, doch ist das historisch gewachsene Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft noch immer präsent und wirkt sich naturgemäß auch auf die Integration von Zuwanderern und deren Kindern aus. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte die Bundesrepublik den ersten massiven Zustrom von Migranten, deren Ursprung jenseits des christlichen Abendlandes lag. Seitdem kamen Menschen aus aller Herren Ländern nach Deutschland und haben sich hier heimisch gemacht – ohne immer hier eine Heimat zu finden. Auch andere europäische Länder haben das gleiche Problem. Darin unterscheidet sich der alte Kontinent vom Einwanderungsland USA. Dort ist ethnische Zugehörigkeit, anders als in Europa, kein primäres, sondern ein sekundäres Identitätsmerkmal. Man ist Ire, Italiener, Chinese – oder eben auch Jude -, zuallererst aber Amerikaner, Angehöriger einer vom Verfassungspatriotismus geprägten Nation.
Kann Deutschland im 21. Jahrhundert dem amerikanischen Beispiel folgen? Zweifelsohne würde eine im Grundgesetz-Patriotismus wurzelnde deutsche Nationalidentität das Zusammenleben der „alten“ und der „neuen“ Deutschen leichter machen. Wenn die Bezeichnung „Deutscher“ auch dann selbstverständlich klingt, wenn sie nicht nur einem „typisch deutschen“, sondern auch einem türkisch oder afrikanisch klingenden Namen vorangestellt wird, werden wir wissen: In Deutschland hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Das würde übrigens auch das Leben vieler Juden leichter machen. Ob die deutsche Gesellschaft ihr Selbstverständnis ändert, wird sich im Laufe kommender Jahrzehnte zeigen. Indessen sollten Menschen guten Willens Deutschland jetzt schon durch Toleranz, Empathie und gemeinsame Abwehr von Hasspredigern jeglicher Couleur zu einem Zuhause für alle machen, die hier leben. Harren und hoffen ist eben nicht genug.
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