10.05.2005

Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel

Es gilt das gesprochene Wort!


Als die Alliierten 1945 die Konzentrations- und Vernichtungslager befreiten, glaubten viele Überlebende, mit dem Ende des Holocaust sei die Geißel des Antisemitismus überwunden. Heute, 60 Jahre später, bekennt sich der Nobelpreisträger und Buchenwald-Überlebende Elie Wiesel voller Sorge zu seiner damaligen Naivität: „Wenn man mir 1945 gesagt hätte, dass ich 2005 gegen den Antisemitismus kämpfen würde, hätte ich das nie geglaubt. Jetzt ist die Gefahr wieder da.“ Wiesel fürchtet eine Banalisierung der Erinnerung durch einen verantwortungslosen Umgang mit der historischen Wahrheit, wie er seiner Meinung nach teilweise in den Medien und verschiedenen Filmproduktionen zu beobachten ist.

Die Mahn- und Gedenkstätten an den ehemaligen Orten der Vernichtung versuchen dieser Entwicklung entgegenzuwirken und haben sich, soweit dies möglich ist, der Bewahrung und Vermittlung der historischen Wahrheit verschrieben. Das an diesen Orten praktizierte Erinnern an das Unfassbare dient einem einzigen Ziel: Es soll verhindern, dass sich eine dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen vergleichbare Katastrophe jemals wiederholt. Im Mittelpunkt von Jugendprojekten, Ausstellungen und Initiativen gegen Rassismus und Antisemitismus stehen deshalb immer zwei Fragen: „Warum waren Menschen eines zivilisierten Volkes im Herzen Europas fähig, einen Massenmord zu planen und durchzuführen?“ Und: “ Wie konnte es soweit kommen?“ Diese zentralen Fragen verweisen zwar auch auf die Opfer, vor allem aber verweisen sie auf Motive und Vorgehensweise der Täter.

Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ehrt die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, verweist aber nicht unmittelbar auf die Täter. Die Täter und Mitläufer von einst und deren heutige Gesinnungsgenossen müssen sich beim Besuch des Denkmals nicht unmittelbar angesprochen fühlen. Das Mahnmal selbst entzieht sich der Frage nach dem „Warum?“ und enthält sich jeder Aussage über die Schuldigen wie auch über die Ursachen und Hintergründe der Kriegskatastrophe. In bester Absicht und künstlerisch beeindruckend wurde stattdessen die Vorstellung von den Juden als dem Volk der Opfer in 2711 Betonstelen gegossen. Das Gedenken an die Ermordeten erspart den Betrachterinnen und Betrachter die Konfrontation mit Fragen nach Schuld und Verantwortung. Vor diesem Hintergrund ist der „Ort der Information“ eine unerlässliche Ergänzung des Denkmals. Erfahrungsgemäß wird sich jedoch nur ein Teil der Besucherinnen und Besucher die Mühe machen, die auf dem Stelenfeld gesammelten Eindrücke durch zusätzliche Fakten zu vertiefen. Schließlich ist die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland wie in anderen Ländern auch, der irrigen Auffassung, genug über den Holocaust zu wissen, ja geradezu übersättigt mit Informationen über die NS-Zeit zu sein. Auch aus diesem Grund wäre es wünschenswert gewesen, die Motive der Täter im Denkmal selbst zu thematisieren und damit eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Tat und Täter zu ermöglichen.

Meine Einwände beziehen sich auf die meines Erachtens unvollständig gebliebene Aussage des Denkmals. Ungeachtet dessen liegt mir daran, angesichts der mit diesem Bauwerk zum Ausdruck gebrachten Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft, meine Anerkennung und Wertschätzung für das gesamte Projekt zu betonen. Die Hartnäckigkeit und Leidenschaft, mit der die Initiatoren des Denkmals seit rund fünfzehn Jahren für die Verwirklichung ihres Anliegens kämpfen, haben mich sehr beeindruckt. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang den Beschluss des Deutschen Bundestages zum Bau des Denkmals. Das damit verbundene Bekenntnis aller Fraktionen, auch langfristig für das Gedenken an die von Deutschen während des Zweiten Weltkrieges verübten Verbrechen eintreten zu wollen, war ein wichtiges und notwendiges Signal im Kampf gegen das Vergessen.

Gleiches gilt für die öffentliche Debatte, von der die Planung und Entstehung des Mahnmals Jahre hindurch begleitet wurde. Die zeitweise emotional aufwühlende Auseinandersetzung lieferte viele bedenkenswerte Beiträge zum deutsch-jüdischen Diskurs über die nach wie vor belastende Vergangenheit. Leider barg diese Diskussion die Gefahr einer Hierarchisierung der Opfer und des erlittenen Leides. Im Angesicht von Folter und Tod gibt es jedoch keine Abstufung individuell erlittenen Leids. Schmerz und Trauer über den erlittenen Verlust sind in jeder betroffenen Familie groß. Ich unterstütze deshalb nachdrücklich die Forderung anderer Opfergruppen nach einem würdigen öffentlichen Ort des Gedenkens.

Dass sich die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in diese Richtung entwickelt hat, ist bedauerlich. Dies umso mehr, als schon die Entstehungsgeschichte darauf verweist, dass es sich hier um das offizielle Denkmal der Bundesrepublik Deutschland zum Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden handelt und nicht – wie vielfach missverständlich dargestellt – um den zentralen Gedenkort der Juden in Deutschland. Abgesehen von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel bestehen unsere Orte der Trauer und des Gedenkens seit über siebzig Jahren: Die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager, die Massengräber, Erschießungsstätten und Orte der Folter, die Rampen, an denen die Menschen in Viehwaggons abtransportiert wurden, bis hin zu den vielen Plätzen in Deutschland, wo Synagogen und Gemeindehäuser in Flammen aufgingen. Hier wurde unseren Familienmitgliedern, Verwandten, Freunden und ungezählten namenlosen Opfern unermessliches Leid zugefügt. Hier wurden wir von unseren Nachbarn und Landsleuten gedemütigt, verraten und Millionen von uns auf grausamste Art ermordet. Nirgendwo sind wir den Verstorbenen näher und nirgendwo lässt sich ein unmittelbarer, umfassender Zugang zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten finden wie an den authentischen Orten. Dieses Empfinden wurde erst kürzlich durch ein bewegendes Ereignis neu ausgelöst, als bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers Sachsenhausen bis zu anderthalb Meter dicke Schichten menschlicher Asche gefunden wurden: die Überreste zehntausender ermordeter Häftlinge. In 150 Massenurnen zu je 30 Kilogramm fanden die Toten im Jahr 2005 endlich ihre letzte Ruhe. Die feierliche Bestattung am 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers unterstreicht einmal mehr die herausgehobene Bedeutung der authentischen Gedenkstätten, die immer auch Orte der Totenruhe sind. Es wäre deshalb nicht nur bedauerlich, sondern geradezu skandalös, wenn die Gedenkstätten langfristig einen Preis für die Errichtung des „Holocaust-Mahnmals“ zu zahlen hätten. Abgesehen davon: Ohne die historische Erinnerung, ohne die authentischen Vernichtungsorte wird auf Dauer jedes abstrakte Denkmal seine Wirkung als Zeichen gegen das Vergessen verlieren.

Die Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas fällt zeitlich zusammen mit dem Gedenken an die Befreiung der Konzentrationslager und das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren. Der 8. Mai 1945 ist der Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime. Eine Befreiung für sämtliche überlebenden Opfer der Gewaltherrschaft und deren Nachfahren. Wer diesen Tag noch immer als Niederlage Deutschlands sieht, sollte sich bewusst machen, was aus Deutschland geworden wäre, wenn der Nationalsozialismus gesiegt hätte. Erst das Ende des nationalsozialistischen Unrechtsregimes ermöglichte uns allen ein Leben in Freiheit. Dieser Überzeugung folgten am vergangenen Wochenende zehntausende von Bürgerinnen und Bürger aus allen Bereichen der Gesellschaft und setzten hier in Berlin am Brandenburger Tor ein eindrucksvolles, ermutigendes, aber auch notwendiges Zeichen fürDemokratie, Toleranz und Weltoffenheit in Deutschland.

In diesen Tagen erinnern wir uns an die Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden, an die ermordeten Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma, an die Homosexuellen und alle anderen politisch, ethnisch und religiös Verfolgten sowie an die unschuldigen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft unter der deutschen Zivilbevölkerung. Aber es sind auch Tage, an denen wir mit Dankbarkeit und Hochachtung der Überlebenden und Zeitzeugen gedenken, deren Schilderungen uns eine Ahnung des Unfassbaren vermitteln. Die Zeit, die ihnen bleibt, Zeugnis abzulegen, ist begrenzt. Die Nachgeborenen stehen deshalb in der historischen Pflicht, das Vermächtnis der Zeitzeugen weiter zu geben. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist kein authentischer Ort. Und doch hoffe ich, dass dieses Denkmal Herz und Gewissen jeder Besucherin und jedes Besuchers erreicht. Möge es dazu beitragen, jene Erinnerung wach zu halten, die mit dem Verstummen der Zeitzeugen zu verblassen droht.

10. Mai 2005