Reden und Texte
Stellungnahme zu dem im Tagesspiegel erschienenen Beitrag "Dreifacher Umbruch“
von Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich sehe mich gezwungen, zu dem im Tagesspiegel vom 21.2.2010 erschienenen Beitrag "Dreifacher Umbruch" von Herrn Bernhard Schulz Stellung zu nehmen.
Grundsätzlich begrüße ich es, wenn deutsche Medien Interesse am jüdischen Leben und an der jüdischen Gemeinschaft in diesem Lande zeigen. Als Teil der deutschen Gesellschaft sind Juden ein selbstverständliches Thema der Berichterstattung und der Meinungsäußerung. Indessen sollten diese - wie journalistische Beiträge zu jedem anderen Thema - auf fundierter Recherche und einer korrekten Wiedergabe von Fakten beruhen. Bei dem von Herrn Schulz verfassten Beitrag werden diese Mindestanforderungen leider nicht erfüllt. Vielmehr werden in dem Beitrag Halbwahrheiten herangezogen, um Thesen zu stützen, die sonst so nicht haltbar wären.
Entgegen der in dem Beitrag enthaltenen Behauptung sind in den Gremien des Zentralrats, dessen Mitgliedsgemeinden 106.000 Mitglieder vereinen, Zuwanderer durchaus, übrigens bereits seit vielen Jahren, vertreten. Das gilt für die Ratsversammlung, für das Direktorium und für das Präsidium.
Entgegen der von Herrn Schulz aufgestellten These zeigen Zuwanderer zunehmend Interesse daran, auf allen Ebenen des Zentralrats mitzuwirken. Hier hätte gewöhnliche journalistische Sorgfalt genügt, um derartige Falschbehauptungen zu vermeiden.
Die Erklärung der Präsidentin des Zentralrats, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, für eine weitere Amtsperiode als Präsidentin nicht zur Verfügung zu stehen, bedeutet keineswegs, dass die Ära der Holocaust-Überlebenden zu Ende geht. Sowohl innerhalb des Präsidiums als auch innerhalb des Direktoriums ebenso wie in allen anderen Gremien und Ausschüssen des Zentralrats ist, G'tt sei Dank, noch eine erhebliche Anzahl von Menschen vertreten, die den nationalsozialistischen Völkermord überlebt haben. Vielleicht kommt die von Herrn Schulz in die Welt gesetzte Behauptung einem in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft bestehenden Bedürfnis entgegen, den Holocaust gleichsam zu entsorgen.
Die Wahrnehmung der Juden in Deutschland beziehungsweise des Zentralrats als eine Mahn- und Opferinstanz geht wiederum großenteils auf eine Erwartungshaltung der nichtjüdischen Umwelt zurück, die uns in die Rolle des Moralwächters drängt. Jüngst rief nicht zuletzt Zentralrats-Vizepräsident Dr. Dieter Graumann jüdische Vertreter dazu auf, diese Rolle zu meiden.
Der nach 1945 trotz des zurückliegenden Grauens erfolgte Aufbau jüdischen Lebens in Deutschland ist das Ergebnis eines Jahrzehnte währenden Engagements und Kampfes der Jüdischen Gemeinschaft in diesem Land. Ihn als eine quasi automatische Folge der Unterstützung und Förderung durch die große Politik zu beschreiben, ist diffamierend - auch wenn die Hilfe, die wir dabei erfahren haben, sicherlich bessere Rahmenbedingungen für den Erfolg der Aufbauleistung geschaffen hat und von uns selbstverständlich gewürdigt wird.
Das Ergebnis dieses jüdischen Engagements sind heute zahlreiche jüdische Kindergärten, Schulen, Synagogen, die Jüdische Hochschule in Heidelberg, die Zentralwohlfahrtsstelle und viele andere Einrichtungen. Dazu gehört auch eine lebendige Gemeinschaft, der es gelungen ist, unterschiedliche religiöse Strömungen unter einem Dach zu vereinen.
Die trotz des gewaltigen Ausmaßes der Aufgabe vom Zentralrat und allen anderen jüdischen Einrichtungen energisch in Angriff genommene Integration der Zuwanderer ist weitgehend gelungen. Dabei ist es grundfalsch zu behaupten, die Zuwanderer seien als Belastung empfunden worden. Sie sind eine Bereicherung und tragen entscheidend zur Sicherung jüdischer Zukunft in Deutschland bei.
Unsere Jugend ist engagiert und übernimmt zunehmend Verantwortung innerhalb der Jüdischen Gemeinden. Unsere Gemeinschaft veranstaltet Musik- und Kulturwettbewerbe, gibt Zeitungen und Zeitschriften heraus, feiert Feste und findet Anschluss an ihre Wurzeln. Sie setzt sich mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft ebenso wie mit anderen Minderheiten in Deutschland auseinander.
Das von Herrn Schulz behauptete Konkurrieren der Juden mit anderen Minderheiten um die öffentliche Wahrnehmung ist völlig falsch. Vielmehr besteht ein enger Austausch zwischen einer Vielzahl muslimischer Organisationen sowie anderer Minderheitenvertretungen, aber auch Gewerkschaften und Kirchen als Anwälte für nichtjüdische Minderheiteninteressen und dem Zentralrat. Zudem hat sich der Zentralrat mehr als einmal öffentlich an die Seite der Muslime in Deutschland gestellt, wenn diese attackiert wurden - nicht zuletzt bei dem Mord an Marwa al-Sherbini in Dresden, bei dem die deutschen Medien übrigens nicht gerade mit großer Aufmerksamkeit geglänzt haben.
Das in Ihrer Zeitung skizzierte, ausschließlich vergangenheitsorientierte Bild der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland besteht lange nicht mehr. Die jüdische Zukunft hat längst begonnen. Nur haben es einige noch nicht bemerkt!
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Stephan J. Kramer
Generalsekretär
Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.