10. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2010 – 14. Schwat 5770

Der Rabbiner als Multitalent

Aharon Ran Vernikovsky will mehr sein als nur ein religiöser Gelehrter

Von Frederic Spohr

Aharon Ran Vernikovsky , seit drei Jahren Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Wuppertal weiß: Als Rabbiner in Deutschland zu arbeiten, ist nicht einfach. Auch genügt es nicht mehr, nur ein religiöser Gelehrter zu sein. Für die Schwierigkeiten seines Berufs hat Vernikovsky eine eigene Metapher gefunden: „Der Rabbiner muss heute eine Art Multifunktionskampfflugzeug sein: Pädagoge, Gelehrter, Seelsorger und Entertainer zugleich. Doch nehme ich diese Aufgabe gern an.“
Seine Entscheidung, die Rabbinerlaufbahn einzuschlagen, traf der heute 37-Jährige nicht sofort. „Kein Rabbiner weiß, dass er Rabbiner werden wird“, sagt er. Der Berufswunsch reifte in ihm langsam heran. Und zwar „aus Liebe zum jüdischen Glauben“, wie er berichtet.
Dass der Rabbinerberuf für ihn das Richtige ist, wurde Vernikovsky beim Talmud-Studium an einer Jeschiwa in Israel klar: Eine Zeit, die ihn anhaltend prägte, und von der er noch heute schwärmt: „Es war ein großes geistiges Erlebnis. Alle meine Kräfte beziehe ich aus dieser Zeit“. Nicht nur das umfangreiche Wissen, das die Jeschiwa vermittelte, habe ihn fasziniert, sondern vor allem auch die regelmäßigen Diskussionen und die besondere Art zu lernen: „Man führt Streitgespräche über die Tora vor mehreren hundert Menschen. Da entsteht eine besondere Atmosphäre und eine besondere Dynamik.“ Das Studium sei sehr lebendig und flexibel und mit der Ausbildung an einer klassischen Universität nicht zu vergleichen.
Geboren wurde Vernikovsky in Petach Tikwa im Großraum Tel Aviv. Noch in seiner Jugend zog er mit seinen Eltern nach Berlin. Zwischendurch machte er aber immer wieder längere Abstecher nach Israel. Seine Eltern sind mittlerweile wieder dorthin zurückgekehrt. „Mein Leben“, fasst er zusammen, „spielte sich immer zwischen Deutschland und Israel ab.“
Als Jugendlicher in Berlin verlor er allerdings nie den Kontakt zum Judentum. „Ich hatte schon als junger Mensch immer eine enge Beziehung zur jüdischen Kultur in Deutschland.“ Regelmäßig besuchte er die Veranstaltungen und Gottesdienste der jüdischen Gemeinde. Aufgrund seiner Verbundenheit mit der jüdischen Kultur in Deutschland kehrte er nach seiner Ausbildung in Israel in die Bundesrepublik zurück. Wuppertal ist seine erste Stelle als Rabbiner. „Ich war mit den Strukturen der jüdischen Gemeinden in Deutschland vertraut, das war optimal für mich.“
Als Rabbiner will er das Judentum weiter ausbauen und verankern. „Ich will, dass die jüdische Kultur in Deutschland wieder sichtbar wird“, sagt Vernikovsky. Ihn würde es freuen, wenn es beispielsweise noch eine zweite Jeschiwa in Deutschland gebe. In Wuppertal ist die Schaffung einer jüdischen Kindergartengruppe sein nächstes Ziel. „Für mich ist das fundamental wichtig, weil man bei Kindern die Möglichkeit hat, das Judentum von klein auf erzieherisch zu vermitteln.“
Natürlich hofft er auch, mehr jüdischstämmige Einwanderer aus Osteuropa für das jüdische Leben begeistern zu können. Allerdings müsse man hier realistisch bleiben: „Kurz- und mittelfristig wird es nicht gelingen, dass sie sich in Deutschland plötzlich massenhaft der jüdischen Religion anschließen werden.“ Seinen Schwerpunkt will er deswegen auf den Einzelnen legen. „Ich will kleine jüdische Inseln schaffen“, sagt Vernikovsky“, und ich habe die Hoffnung, dass aus diesen Inseln ganze Landstriche entstehen.“