10. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2010 – 14. Schwat 5770

Irans Schatten

Israelischer Experte: Das Ajatollah-Regime strebt nach Dominanz in Europa

Dr. Mordechai Kedar, Arabienexperte und Dozent an der Bar-Ilan-Universität (Ramat-Gan) ist einer der am meisten beachteten politischen Kommentatoren Israels – und dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Unter anderem warnt Kedar Europa vor einer zunehmenden Einflussnahme des iranischen Regimes auf europäische Politik und vor Angriffen auf die freiheitliche Grundordnung europäischer Gesellschaften. Die ZUKUNFT sprach mir Kedar über seine Thesen.

Frage: Herr Dr. Kedar, Sie haben neulich eine lange Liste von Forderungen veröffentlicht, die ein atomar aufgerüsteter Iran an Europa stellen und auch durchsetzen könnte. Dazu gehören beispielsweise ein Abbruch der Beziehungen zu Israel und den USA, die Einführung eines vom Iran beaufsichtigten Islam-Unterrichts an europäischen Schulen, aber auch die Forderung, Gaststätten mit Alkoholausschank in bestimmten Fällen zu schließen. Ist das nicht absurd?
Antwort: Ein mit Atomwaffen gerüsteter Iran würde seinen weltpolitischen Einfluss enorm steigern. Eines seiner ersten Ziele wäre es, sich der Energiequellen auf der Arabischen Halbinsel zu bemächtigen – wenn nicht durch offenen Krieg, dann durch Subversion. In einem solchen Fall würde es auch den USA schwer fallen, sich dem Iran in den Weg zu stellen, und die Ayatollahs würden rund ein Drittel aller fossilen Energieträger in der Welt kontrollieren. Das würde ihnen enorme Macht über Europa verschaffen. Zudem nimmt jedermann eine Atommacht ernst. Diese Position würde das iranische Regime zweifelsohne nutzen, um seine geopolitischen Interessen durchzusetzen. Dazu gehört nicht nur eine Isolierung Israels, sondern auch die Beendigung der amerikanisch-europäischen Allianz. Ein neutrales Europa wäre unter anderem viel eher bereit, dem Iran rüstungsrelevante Technologie zur Verfügung zu stellen. Diese käme der konventionellen Aufrüstung der iranischen Streitkräfte wie dem Ausbau nichtkonventioneller Bewaffnung, auch im chemischen und biologischen Bereich zugute.

Frage: Und was hat das mit der Schließung von Kneipen zu tun, um beim Beispiel zu bleiben?
Antwort: Der Iran versucht, sich weltweit als Verfechter islamischer Interessen und Beschützer aller Moslems zu profilieren. Stellen wir uns eine Situation vor, in der eine moslemische Gemeinde in Europa die Schließung einer in unmittelbarer Nähe ihrer Moschee gelegenen Gaststätte mit Alkoholausschank fordert. Kann man wirklich ausschließen, dass der iranische Außenminister seinen europäischen Kollegen anruft und sich diese Forderung zu eigen macht? Sehr höflich, versteht sich, aber wirksam. Die iranischen Strategieplaner sind jedenfalls davon überzeugt, dass Europa innerhalb einiger Jahrzehnte dem Dschihad wie eine reife Frucht in den Schoß fallen kann und sie werden alles tun, um dies zu erreichen.

Zudem liegt es im iranischen Interesse, die Säkularisierung europäischer Moslems zu verhindern. Heute gibt es kaum eine moslemische Familie in Europa, in der nicht jemand von den Grundsätzen strenger Religiosität abgefallen ist. Das ist für Fundamentalisten ideologisch wie machtpolitisch unerwünscht. Demonstrationen islamischer Macht und religiöse Radikalisierung könnten helfen, die Integration von Moslems in die europäische Gesellschaft auszubremsen. Wer die vom Iran für Europa ausgehende Bedrohung verstehen will, muss die Sichtweise des iranischen Regimes nachvollziehen können. Den Europäern mögen fundamentalistische Eingriffe in ihr Alltagsleben als weit hergeholt erscheinen. Aus der Sicht des iranischen Dschihad sind sie das Naheliegendste der Welt.

Frage: Gauben Sie aber nicht, dass Europa sich wehren wird?
Antwort: Ich sage ja nicht, dass die iranische Machtausdehnung jetzt schon so weit gediehen ist. Das Teheraner Regime ist bereit, zwei oder drei Jahrzehnte zu warten. Daher gäbe es durchaus noch Zeit für Gegenmaßnahmen. Dazu aber müssten die europäischen Staaten ihre jetzt schon deutliche Angst vor dem radikalen Islam überwinden. Je länger sie warten, umso schwerer wird die Abwehr der Bedrohung sein.

wst