10. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2010 – 14. Schwat 5770

Belasteter Dialog

Der Vatikan und die jüdisch-katholischen Beziehungen

Von Stephan J. Kramer

Am 17. Januar hat Papst Benedikt XVI. Roms Große Synagoge besucht – ein Ereignis, bei dem das Oberhaupt der katholischen Kirche eine neue Brücke zur jüdischen Glaubensgemeinschaft bauen wollte. Indessen vermochte die Visite die Kluft zwischen dem Vatikan und der jüdischen Welt nicht zu überbrücken. Trotz des würdigen Rahmens artete der päpstliche Besuch stellenweise zu einem Schlagabtausch aus, wobei der Streit um die vom Papst nur einen Monat vorher vorangebrachte Seligsprechung Pius’ XII., des während des Holocaust amtierenden Papstes, im Mittelpunkt stand. Viele Juden bekundeten auch am Tage des Besuchs ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Benedikt XVI. Andere zogen es vor, in der päpstlichen Aufwartung das sprichwörtliche halbvolle Glas zu sehen – eine heile Welt im jüdisch-katholischen Verhältnis täuschten aber auch die meisten von ihnen nicht vor.
In diesem Zusammenhang muss festgehalten werden: Jüdische Kritik an der Politik des vor bald fünf Jahren in sein Amt gewählten Papstes entstammt weder einer Streitsucht, noch einer Abkehr von Dialogwillen. Vielmehr stellt sich aus jüdischer Sicht die Frage, inwieweit ein vertrauensvolles Zwiegespräch unter den von Benedikt geschaffenen Rahmenbedingungen überhaupt noch möglich ist. Wenn der Vatikan darauf hinweist, bei den von Juden beanstandeten päpstlichen Entscheidungen handele es sich um kircheninterne Prozesse, so ist zu prüfen, mit welcher inneren Weltauffassung der Vatikan den Dialog führen möchte.
Im Jahre 2007 hatte der Papst die überwunden geglaubte Delegitimierung des jüdischen Glaubens mit der von ihm verfügten Wiederzulassung der so genannten Tridentinischen Messe und der darin enthaltenen „Fürbitte für die Juden“ wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Selbst in der jetzt leicht geänderten Fassung dürfen Katholiken mit dem Segen der Kirche dafür beten, dass Juden „erleuchtet“ werden und Jesus aus Nazareth als den „Retter aller Menschen“ anerkennen. Wie aber ist ein echter Dialog möglich, wenn der Vatikan die These akzeptiert, Juden könnten letztendlich nur durch den vom Christentum postulierten Messias erlöst werden?
Auch die im letzten Jahr aufgehobene Exkommunikation von vier Bischöfen der ultrakonservativen und judenfeindlichen Piusbruderschaft war ein Tiefschlag, der das Verhältnis der jüdischen Religionsgemeinschaft zum Vatikan und zum Papst bis heute belastet. Die Pius-Bruderschaft hatte weder das Zweite Vatikanische Konzil anerkannt noch die Holocaustleugnung eines ihrer Bischöfe verurteilt. Die Botschaft war klar: Die Kapitulation vor den Traditionalisten war dem Papst wichtiger als das katholisch-jüdische Verhältnis. Mit ihren Protesten hat die jüdische Öffentlichkeit auf diesen Schritt lediglich reagiert.
Im Dezember 2009 schließlich erkannte Benedikt Pius XII. den so genannten heroischen Tugendgrad zu. Damit wurde die Seligsprechung des umstrittenen Papstes wesentlich vorangebracht – nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme im Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem Judentum, war doch Pius im Angesicht der Judenverfolgung vor allem durch sein Schweigen aufgefallen. Bestenfalls stand der Massenmord an Juden, wie es der israelische Antisemitismusforscher Professor Robert Wistrich formulierte, „ziemlich weit unten auf der Liste seiner Prioritäten“. Beweise, die dies widerlegen würden, hat der Vatikan bisher nicht vorgelegt, dafür aber den Zugang zu wichtigen Archiven bisher versperrt. Dennoch scheint Pius XII. aus Sicht des Vatikans ein für Christen vorbildhaftes Leben geführt zu haben.
Wir können nicht umhin zu erkennen, wie sehr sich die heute aus dem Vatikan kommende Botschaft von dem Tenor des Benedikt-Vorgängers, Johannes Paul II., unterscheidet. Gleichwohl – und auch das muss klar ausgesprochen werden – bleibt der Dialog mit der katholischen Kirche wichtig, und wir sind für positive Signale offen. Für deutsche Verhältnisse gilt es außerdem, zwischen Vatikan und Papst auf der einen und katholischer Kirche in der Bundesrepublik zu differenzieren. Das Verhältnis zwischen dem Zentralrat und einzelnen Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz ist zwar nicht immer ganz spannungsfrei, doch herrscht im Großen und Ganzen ein gutes Vertrauensverhältnis, das von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Dies zeigte sich auch darin, dass der Papst erheblichen Widerspruch aus den Reihen der Deutschen Bischofskonferenz und den Reihen der deutschen Katholiken bekommen hat. Die Solidaritätsbekundungen für die jüdische Gemeinschaft taten gut und zeigten, wie eng das persönliche Verhältnis der handelnden Personen auf allen Ebenen der beiden Religionsgemeinschaften in Deutschland ist.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland