10. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2010 – 14. Schwat 5770

Akute Gefahr

Weltforum zur Bekämpfung des Antisemitismus tagte in Jerusalem

Zukunft 10. Jahrgang Nr. 1
Zukunft 10. Jahrgang Nr. 1

Wie man den Antisemitismus bezwingen könne, fragen sich Juden nicht erst seit heute. Theodor Herzl, am Abendland verzweifelt, empfahl den Rückzug in einen eigenen Judenstaat. Jüdische Linke setzten auf den Internationalismus, andere europäische Juden dagegen auf Patriotismus in ihrem jeweiligen Land. Nach dem Holocaust hofften manche, als Lehre aus dem ungeheueren Verbrechen werde die Welt den Judenhass ablegen. Wie man weiß, hat sich nicht eine einzige dieser Hoffnungen erfüllt. Die Judenfeindschaft gedeiht und breitet sich in unserer Zeit, dem Zeitalter schrankenloser Kommunikation, immer mehr über internationale Grenzen hinweg.
Als Reaktion sucht die jüdische Welt nach neuen Wegen zu einer effektiven Auseinandersetzung mit dem alten Hass. Als eine wichtige Gesprächsbühne hat sich hierbei das vor drei Jahren ins Leben gerufene Weltforum zur Bekämpfung des Antisemitismus etabliert, das dem Meinungsaustausch zwischen Teilnehmern aus Israel und aus der Diaspora dient. Im Dezember 2009 trat das Weltforum unter der Ägide des israelischen Außen- und des Diasporaministeriums zum dritten Mal in Jerusalem zusammen, um über weltweite antisemitische Tendenzen und deren Abwehr zu beraten. Mit rund 500 Teilnehmern aus über 50 Ländern waren nicht nur maßgebliche jüdische Organisationen und Experten vertreten. Auch prominente nichtjüdische Gäste nahmen an der Veranstaltung teil, um ihre Solidarität mit dem Kampf gegen die Judenfeindschaft zu bekunden.
Ein Grundtenor der Beratungen war die eindringliche Warnung, dass Antisemitismus nicht nur auf moralischer Ebene verwerflich, sondern auch gefährlich ist. Der israelische Holocaust-Historiker. Professor Jehuda Bauer betonte, dass judenfeindliche Regime und Bewegungen zugleich antiwestlich und antidemokratisch seien. Das habe auch für die Sowjetunion gegolten und gelte heute für den islamistischen Antisemitismus. Daher müssten Nichtjuden auch im eigenen Interesse gegen den Judenhass eintreten. Schließlich habe der großenteils aus einer judenfeindlichen Ideologie heraus vom „Dritten Reich“ vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg 35 Millionen Menschen das Leben gekostet. „29 Millionen von ihnen“, so Bauer, „waren Nichtjuden.“ Das, so der renommierte Wissenschaftler, sollte Nichtjuden zu denken geben.
Israels Außenminister Avigdor Lieberman und Diasporaminister Juli Edelstein verurteilten den international um sich greifenden Israel-Hass als eine Erscheinungsform des Antisemitismus. Hinter der von antisemitischen Organisationen geübten, einseitigen Anti-Israel-Kampagne, so Lieberman, verberge sich der Wunsch, dem jüdischen Volk sein Selbstbestimmungsrecht zu verweigern und den jüdischen Staat zu zerstören. Edelstein bemängelte, demokratiefeindliche Regime und Kräfte versuchten, sich auf der Weltbühne durch antijüdische Angriffe beliebt zu machen, und machten dabei vor noch so absurden Anschuldigungen nicht halt, etwa indem sie Israel die Schuld an den Kriegen im Irak oder in Afghanistan zuschrieben.
Der litauische Außenminister Vygaudas Usackas sprach sich für ein entschiedenes Eintreten gegen den Antisemitismus aus. Erziehungsarbeit und eine Stärkung der bürgerlichen Gesellschaft seien hierbei unverzichtbar. Der tschechische Menschenrechtsminister, Michael Kocab verlangte, demokratische Gesellschaften müssten den Antisemitismus nicht nur ablehnen, sondern auch unverzüglich auf antisemitische Vorfälle reagieren. Koalitionen zwischen jüdischen Organisationen und nichtjüdischen Verbündeten, auch in der islamischen Welt, so Professor Bauer, seien unerlässlich.
Am Rande der Veranstaltung erklärten viele Teilnehmer, die guten Vorsätze müssten kraftvoller als bisher in die Tat umgesetzt werden. Dazu sei es erforderlich, dass die für die Antisemitismusbekämpfung zur Verfügung stehenden personellen wie finanziellen Mittel erheblich aufgestockt würden. Das sei eine wichtige Herausforderung für die kommenden Jahre.
wst